Die Nacht der Nächte
Ein Kultlauf mit traditionellen Wetterkapriolen
Einleitung
Die Bieler Lauftage mit ihrem weltberühmten 100
Kilometerlauf haben bereits Kultstatus. Wer als Läufer was auf sich
hält muss nicht nur einmal Kultläufe wie den Boston-, New York-,
Jungfrau-, London- oder Berlin-Marathon gelaufen sein, nein er muss
sich auch wenigstens einmal in seinem Läuferleben an die
unbeschreiblich lange Distanz von 100.000 Metern gewagt haben. Im
Gegensatz zu den meisten anderen 100-Kilometerläufen ist in Biel
auch die Stimmung was ganz anderes. Der Umstand, dass man z.B. statt
10 öden 10-Kilometer Runden nur eine einzige Runde durch schöner
Landschaft in einem durchaus nicht einfachen profilierten Gelände
läuft ,macht den Lauf schon zu was Besonderen.
Aber nicht nur das. Der Start erfolgt Abends um 22:00, wenn es gerade dunkel wird.
So läuft man in die Nacht hinein. Zuerst an Zuschauermassen und
unzähligen Strassenfesten vorbei, bis man schliesslich in die
Dunkelheit und Stille der Nacht förmlich abtaucht.
Irgendwann zieht sich das Feld auseinander und es wird auch immer einsamer um
einen. Wenn man auf Fahrradbegleitung verzichtet, ist man dann
völlig auf sich allein gestellt und erwartet mit Sehnsucht den
allmählich grauenden Morgen. Je nach Schnelligkeit befindet man sich
dann sozusagen als Neugeborener, vom Licht der Sonne bestrahlt,
entweder schon kurz vorm Ziel oder wie so viele Normalläufer noch
zig Kilometer und viele Stunden davon entfernt.
Erhebend ist dann schliesslich das Gefühl, wenn man die 99 Kilometermarke erspäht
und dann weiss: Ich habe es geschafft. All das Leid, all die Plagen
der Strecke, Wind, Wetter, Sturm und Hitze und die Blutblasen sind
vergessen. Man schwebt auf Wolke 7 ins Ziel ein und fühlt sich wie
von einer anderen Welt.
Heute sind die 100 km von Biel wohl der grösste und
wichtigste "Hunderter". Dabei begann alles so klein: 6 Wochen
bevor ich das Licht der Welt erblickte, begaben sich bereits am
13.11.1959 35 Unentwegte auf diese lange Distanz. 22 hielten den
Entbehrungen und Wetterunbilden stand und bewiesen so, dass auch der
motorisierte Mensch der "Moderne" noch 100 Kilometer am Stück
marschieren oder laufen kann. Historiker die z.B. was über die
Marschleistungen Napoleonischer Armeen oder der chinesische
Volksarmee beim "Langen Marsch" geschrieben haben mag das genauso
wenig verwundern wie Weltkriegsveteranen, die in der Infanterie
durch Russlands Weiten marschieren mussten.
43 Jahre später im Jahr 2002 spiele ich erstmals mit
den Gedanken mich an diese für mich unvorstellbare Distanz irgendwie
zu wagen. Aber ich schiebe dieses Vorhaben dann doch immer wieder
ängstlich vor mich her.
Endlich ist es dann im Februar 2004 nach
dem Bad Füssing Marathon so weit, dass ich mich trotz leichter
aber länger andauernder Beschwerden an der rechten Ferse am
Achillessehnenansatz einfach zum Hunderter anmelde, um endlich Nägel
mit Köpfen zu machen.
Meine Freunde Andreas und Mathias, ohnehin
etwas wagemutiger, machen es auch so.
Da wir nicht wissen wie es
so ist durch die Nacht zu laufen, starten wir im April 2004 einfach
einen Test und laufen 36 km durch die Nacht. Als wir morgens um 3:20 unser Ziel
erreichen, wissen wir, dass Nachtläufe unproblematisch sind. Aber
die Vorstellung jetzt noch 64 km laufen zu müssen, lässt uns
100km-Aspiranten erschaudern. Bei solchen Gedanken schlottern uns schon
die Knie...
Wenige Tage vor dem grossen Lauf lese ich zur
Einstimmung über die "Einsamkeit des Langstreckenläufers bei
Kilometer 70" in Werner Sonntags Buch "Marathon" am Frühstückstisch in gemütlich
warmer Wohnung fernab abenteuerlicher Laufstrecken: "
100 Kilometer -
dies ist ein Volksfest... Um 4 Uhr morgens finde ich vor einem Haus
am Waldrand eine Kanne heissen Tee und Tassen ... "
Zufrieden neige ich mich zurück und schlürfe im
trauten Heim fern von jeglichen Ungemach meinen stark gesüssten Tee.
"Oh wie schön, welch' Freuden warten auf mich!"
"...Kirchberg, die grosse Zäsur bei Kilometer 59.
Die Szene erinnert an einen Hauptverbandsplatz, penetranter Geruch
nach Massagemitteln, die Samariter massieren nach Leibeskräften
..."
Ängstlich steigt es mir in den Kopf: Oh je zu was hast
du dich da angemeldet? 42 Kilometer passen in mein Verständnis noch
rein, aber 100 km sind doch wohl 120.000 Schritte. Habe ich schon
mal weiter als bis 1000 gezählt? Als Kind habe ich es mal vergeblich
versucht ...
Das Kapitel schliesst
"Der Hunderter in Biel hat
eine neue Dimension im Langstreckenlauf eröffnet. Und für manchen
auch im Leben. Wie hat einer geschrieben: Irgendwann musst du nach
Biel. Es muss ein Verrückter gewesen sein."
Auch ich muss da hin. Wie aber erging es mir "Verrückten"?
Vor dem Start
Meine Frau Gaby und mein Schwager Rudolf, die sich für
den Bieler Halbmarathon angemeldet haben, machen sich über mich
lustig, als sich meine Aufregung schon am Vortag des
Wettkampfes von Minute zu Minute steigert. Noch fahren wir auf
unseren ungewöhnlichen Anfahrtsroute durchs schöne Elsass. Den Abend
verbringen wir in Eguisheim, einem malerischen Weindorf am Rand der
Vogesen. Man fühlt sich dort in eine Mittelalterliche Romantik
versetzt und bei leckerem Flammkuchen schwören wir uns - zu einem
Berglauf in den Vogesen natürlich - wieder zu kehren.
Am nächsten Tag, dem Renntag, erreichen wir unser
Hotel in Möringen südlich von Biel. Als wir um 6 Uhr noch im Hotel zu
Abend essen - ich mein Henkermahl - schüttet es aus vollen Kübeln.
"Na denn Prost" stosse ich mit meinem alkoholfreien Bier an! Was mag da
noch so alles auf mich warten.
Aber es wartet erst einmal nicht Regen auf uns,
sondern Ärger anderer Art. Wir verirren uns gnadenlos bei der
Anfahrt zum Startbereich. Wir sind den Schildern der Strecke
nachfahren und nicht den Wegweisern zum Startbereich, die nirgends
zu finden sind.
Nein ganz so dumm sind wir dann auch wieder
nicht, dass wir 100 km im Kreis fahren. Ich will diese Strecke ja
laufen und nicht fahren :-) Spass beiseite, ein paar nette
Läufer, die sich mit den örtlichen Gegebenheiten besser auskennen
als wir, weisen uns den rechten Weg.
Wir finden dann auch noch einen schönen Parkplatz und
wollen uns als nächstes die Startunterlagen holen. Das klappt dann
auch endlich mal reibungslos.

Die Startunterlagen werden in der Eishalle ausgegeben
Während sich Gaby und Rudolf noch etwas umsehen
wollen, gehe ich zum Auto zurück, um mich startklar zu machen. Da
ich wieder meinen sperrigen Fotoapparat dabei habe, kann ich auch
gleich meinen Laufrucksack mitnehmen. Da stecke ich dann noch etwas
zum Anziehen mit rein, falls die Nacht oder der Morgen kalt
wird.
Da ich etwas unsicher bin, wie dunkel die Dunkelheit sein wird, will ich auch meine
Stirnlampe mitnehmen. Diese Entscheidung kann ich im nachhinein nur
voll und ganz gut heissen.
Als ich zurück komme sind schon meine Bekannten
Andreas, Mathias und Stefan zusammen mit all den anderen
Mitstreitern in der Starterzone versammelt:

Reges Treiben bereits eine 3/4 Stunde vor dem Startschuss

Links Rudolf und Gaby, die sich erst morgen an den Halbmarathon wagen - rechts Stefan

Die 100Kilometer-Kämpen: Stefan, Mathias, Andreas und ich (schon vor dem Startschuss ganz erschüttert)

Rechts Militärwagen. Da die Lauftage von Biel auch ein Militärwettkampf sind, werde sie tatkräftig vom Schweizer Heer
logistisch unterstützt

Stefan, Mathias, Andreas - alle drei ziemlich cool

Gar mancher fiebert hier schon der Nacht der Nächte entgegen
Mit dem obligatorischen "Galgenhumor" vor so einem
Lauf versuchen wir uns gegenseitig aufzumuntern. Mich lenkt das
Hantieren mit der Kamera etwas von meiner Aufregung ab.
Eine bekannte Läuferin wird gerade interviewt. Sie
schwärmt von der "Nacht der Nächte".
Ich höre kaum zu. Plötzlich ertönt der Startschuss.
Wir lassen die ersten an uns vorbei ziehen. Da ich noch Fotos
schiesse, verliere ich darauf gleich meine drei Bekannten ...

Der Startschuss ist gefallen
Strassenfeste
Während die anderen drei schon los gelaufen sind,
schiesse ich immer noch Fotos im Startbereich:

Langsam kommt Bewegung ins Spiel
Endlich reihe auch ich mich in die endlose Kolonne der
"Laufverrückten" ein, noch bevor die Kolonne der "Marschierer"
erscheint. Man hat ja 22 Stunden Zeit ins Ziel anzukommen. So sind
etliche "Läufer" dabei, die die ganze Strecke durch marschieren, was
durchaus schon wegen der Länge der Zeit eine beachtliche Leistung
ist.
Auf den folgenden Kilometern durch Biel ist die
Stimmung einfach unbeschreiblich. Wir werden von Menschenmassen
angefeuert wie Helden nach einer Heldentat. Nur liegt der grösste
Teil unserer "Heldentaten" noch vor uns. Aber derweil geniessen wir
diese Vorschusslorbeeren in vollen Zügen.
Die folgenden Bilder geben vielleicht ein wenig von
der Stimmung wieder, wenn gleich sie wegen der Dunkelheit etwas
verschwommen sind:

In der Bieler Innenstadt ist "der Bär los"
Ich komme im Lauf der ersten 5 Kilometer trotz der
Fotografierpausen ganz gut und ziemlich schnell in meinem Rhythmus
und erlebe einen Schwall von Hochgefühlen.
Nach etwa 7 Kilometern Strecke erreichen wir im Bieler
Vorort Nidau den ersten Anstieg. Wir werden durch Zuschauergassen
förmlich den Berg hoch getragen. Erst als wir immer mehr Höhe
gewinnen, lässt der Schwall von Zuschauern nach und man hört
erstmals das Atmen des Nachbarmanns, da dieser Anstieg die ersten
Kraftreserven fordert. Mancher geht hier schon, aber ich zockle
im gemütlichen Joggingtrab den langen Anstieg hoch.
Beeindruckend ist nun der Ausblick auf den Bieler See
bei Nacht. Die Lichter Biels funkeln uns wie Diamanten von unten
entgegen.
Endlich erreichen wir bei Bellmund den Zenit des
ersten Anstieges. Noch schnell ein Streckenfest mit alkoholisch
angeheiterten Zuschauern passiert und wir tauchen nachdem die 10
Kilometer zuvor durchgehend beleuchtet waren in das Dunkel der Nacht ab.
Ein erster Funktionstest der Stirnlampe zeigt, dass
sie funktionstüchtig ist. Gut, die Technik spielt mit!
Kurz dahinter biegen wir von der breiten Strasse auf
einen betonierten Fahrweg ab. Schon bei der Abbiegung müssen wir
eine riesige und tiefe Pfütze passieren. Gut, dass ich mir mit
meiner Lampe eine halbwegs trockene Passage erleuchten kann. Die
Devise lautet: Sich nur nicht jetzt schon nasse Füsse holen.
In einer endlosen Lichterkette bewegen wir uns nun auf
einem ewigen langen meist geraden Feldweg entlang.
Nur selten passieren wir mal eine winzige Ansammlung
von Häusern. Aber meist stehen da auch schon prompt wieder
anfeuernde Zuschauer herum bevor uns gleich wieder dahinter Stille
und Dunkelheit umgibt, lediglich vom Atmen und den Schrittgeräuschen
des Nachbarmanns unterbrochen.
Schliesslich sehe ich einen Läufer mit dem Spruch
"Nacht der Nächte" auf dem Rücken vor mir. Das ist doch Andreas!
Freudig begrüssen wir uns und haben so auf den nächsten Kilometern
eine schöne Unterhaltung. So vergeht schnell die Zeit.
Am Ortseingang von Aarberg stehen Gaby und Rudolf am
Rand und begrüssen mich. Ich bleibe stehen und unterhalte mich mit
ihnen, während Andreas weiter läuft.
Nach diesem aufmunternden Zwischenstopp laufe ich über
eine schöne überdachte Holzbrücke ins Zentrum von Aarberg rein.

Brücke von Aarberg
Der Empfang ist unbeschreiblich. Auf dem hübschen
Marktplatz haben uns wahre Menschenmassen eingekreist. Sie feuern
uns wie in einem Fussballstadium an, obwohl es schon 0:30 morgens
ist. Aarberg ist sicher der Höhepunkt der Strecke.
Schnell verlassen wir hinter dem Marktplatz wieder das
Getümmel und uns empfängt nun wieder die Stille der Nacht...
Stille der Nacht
Nach dem "Radau" in Aarberg wird es gleich wieder
still. Wir laufen auf einem schönen Feldweg erstmals durch
Waldabschnitte. Da ist es richtig dunkel. Ich bin richtig froh meine
Stirnlampe dabei zu haben.
Kurz vor Lyss bei KM 23 habe ich Andreas wieder
eingeholt. Dort wartet schon seine Frau als
Fahrradbegleiterin. Nachdem ich sie begrüsst habe, verabschiede
ich mich von beiden. Ich habe auf eine Fahrradbegleitung verzichtet,
da ich das Erlebnis 100 Kilometer ganz auf mich allein gestellt
geniessen will.
Im weiteren Verlauf muss man immer wieder aufpassen,
dass man nicht von einem "übernächtigten" Fahrradbegleiter über den
Haufen gefahren wird.
Es folgt nun ein landschaftlich schöner aber auch
welliger Kurs. Allerdings sieht man von den landschaftlichen
Schönheiten im Dunkel der Nacht nicht all so viel. Auffallend sind
aber immer wieder die schönen alten Bauernhäuser, wo die Dächer so
schön überstehen. Da kann man sich bei Regen schön unterstellen, was
mir später noch von Nutzen sein wird. Im Moment ist es aber noch
trocken und die Temperaturen sind angenehm mild.
Einer der Läufer in Militärkleidung trägt einen
sichtlich besonders schweren knallgelben Rucksack, der bis zum Rand
gefüllt ist. Das ist ja meiner richtig winzig. Ich frage ihn, ob
dass zum Militärreglement gehört, so einen schweren Rucksack zu
tragen. Aber ich werde aufgeklärt, dass er das alles nun mal "zum
Überleben" bei diesem Lauf bräuchte, da er ja mit voller Montur
läuft. Na ja ich nehme das mal so hin und überdenke kritisch den
geringen Inhalt meines Rucksacks. Er besteht aus einem 2. Laufshirt
und einer kurzärmeligen Jacke und ein paar weiteren Kleinigkeiten.
Andererseits laufen ja aber auch viele ohne irgendwelche Ausrüstung
bei sich, auch wenn sie keine Betreuer haben und 100km bis auf die
Verpflegung ganz allein auf sich gestellt sind!

Einer der nächtlichen Verpflegungsstände
Der hügelige Kurs bis Kilometer 30 macht mir viel Spass
und ich kann etliche Läufer dabei überholen.
Wir durchqueren
wieder waldige Abschnitte, wo es zapfenduster ist. Wie Trauben
hängen sich dabei Mitläufer ohne Lampe und Fahrradbegleitung
in den Schatten des Lichtkegels meiner Stirnlampe, magisch vom Licht
angezogen wie Motten der Nacht.
Wir durchqueren um halb zwei morgens winzige
Ortschaften, wo immer noch mächtig gefeiert wird und wir auch
entsprechend angefeuert werden. Etliche der Zaungäste sind schon
reichlich angeheitert...
Hinter der Verpflegungsstelle bei Scheunenberg geht es
nun auf eine ewig lange gerade Landstrasse. Links von uns erheben
sich dabei bewaldete Hügel, von denen man aber kaum was sehen kann,
da wir uns nun in eine immer dichter werdende Nebelsuppe hinein
bewegen.
Die Atmosphäre ist gespenstisch. Eine graue Shilouette
von Läufern und geisterhaft flackernder Lichtern bewegt sich vor
mir.
Wir werden nun immer öfter von den
Nachtmarathonläufern überholt, die im Schlussspurt ihrem Ziel in
Oberramsern entgegen streben.
Auch ich erreiche Oberramsern um fast 3 Uhr morgens,
wo obwohl es schon fast 3 Uhr ist, auch noch etliche Zuschauer
feiern. Deren Stimmung wird nun immer ausgelassener. Ich habe
nun 39 Kilometer geschafft und dafür fast 5 Stunden
gebraucht.
Wegen einer Zusatzschleife in Biel ist hier auch das
Ziel der Nachtmarathonläufer. Von denen werden wir nun nicht mehr
überholt, als wir in Oberramsern von der langen geraden Strasse auf
kleinere Fahrwege abbiegen.
Langsam kommt nun Regen auf...
Der Grosse Regen
Die waldigen und hügeligen Kilometer 40 bis 48 sind
sicher landschaftlich reizvoll. Nur merke ich davon wenig, da der
Himmel nun immer mehr seine Schleusen öffnet. Weil es nun auch kalt
wird, packe ich meine Jacke aus dem Rucksack aus.

Die Helfer an diesem Verpflegungsstand halt trotz Wolkenbruchs
und Tiefe der Nacht eisern durch. Auch sie leisten so wie die Läufer
erstaunliches ...
Gerade in den
bewaldeten Abschnitten sieht man selbst mit Lampe kaum mehr was. Ich
sehe nur im Strahl der Lampe wie heftig es regnet. Ich muss an den
schnelleren Mathias denken, der vielleicht schon am "Ho Chi Minh
Pfad" ist. Wie mag es erst ihm bei diesem problematischen Abschnitt
bei solchen Bedingungen ergehen?
Beim Verpflegungspunkt in Jegensdorf sehe ich viele
Läufer mit Decken zugedeckt unter den Dachvorsprüngen sitzen und
liegen. Das sieht zwar verlockend aus, aber nein jetzt nur nicht
defätistische Gedanken aufkommen lassen.
"An diesem Tage brachen alle Quellen der grossen
Urflut auf, und die Fenster des Himmels öffneten sich", Genesis
7,11
Nur wenige Hundert Meter später bin auch so gut wie am
Ende. Jetzt hat der Himmel endgültig all seine Schleusen geöffnet.
Die 2. Sintflut scheint angebrochen zu sein. Meine Arche wird ein
altes überdachtes Bauernhaus. Vor Kälte und Nässe schlotternd warte
ich voller Sehnsucht auf das Ende des grossen Monsums.
Lange Minuten und Minuten vergehen. Ich starre
ungeduldig in die Sintflut hinaus. Immer wieder laufen ein paar
"Amphibienläufer" vorbei. Soll ich es Ihnen gleich tun?
Schliesslich halte ich es nicht mehr aus und wage da
ich ohnehin schon total durchnässt bin den Sprung ins kühle Nass.
Ich zittere vor lauter Kälte sehne mich an ein
trockenes und warmes Plätzchen und sinniere über Emil Zatopeks
Spruchs " ... Fisch schwimmt ..". "Mensch Emil! Der Mensch doch
auch!".
Der Regen lässt etwas nach und ich komme mit einen
Leidensgenossen in ein angeregtes Gespräch. Wir freuen uns gemeinsam
als wir eine Viertelstunde vor Fünf die 50 Kilometermarke passieren.
Im Gespräch Raum und Zeit vergessend übersehe ich
dabei zwei besonders tiefe Pfützen. Zuerst wird der rechte und
dann der linke Fuss dabei total durchnässt. Jeder Schritt macht nun
Platsch, Platsch. "Na super! Nun auch das noch!".
Später werde ich mir dann auch prompt in
den nassen Schuhen zwei herrliche Blasen am Fussabsatz holen.
Allmählich graut der Morgen. Da es nun fast aufgehört
hat zu regnen, wird es mir wieder etwas wärmer. Ich überlege mir das
Reservelaufshirt anzuziehen. Aber es ist im Rucksack ebenfalls nass
geworden. So kann ich mir das sparen.
Ich erkundige mich bei meinem Gesprächspartner wo der
Ho Chi Minh Pfad ist und werde aufgeklärt, dass mit diesem nächsten
Abenteuer ab Kilometer 58 zu rechnen ist.
Mein Gesprächspartner ist etwas schneller und so laufe
ich dann beim zweiten möglichen Ausstiegspunkt bei Kilometer 56 in
Kirchberg alleine ein. Dort nehme ich erst einmal so was wie ein
Läuferfrühstück ein. Kirchberg könnte mal als "Vortor zur Hölle"
zum berühmt berüchtigten Ho Chi Minh Pfades bezeichnen ...

In Kirchberg kann man nach 56 km aussteigen und so in die 2.
Teilwertung kommen

Etwas übernächtig und von den Spuren des "Grossen Regens"
gezeichnet geht es mir ansonsten noch recht gut
Der Ho Chi Minh Pfad
Der eigentliche Ho Chi Minh Pfad war ein Netzwerk
aus Strassen, das von Nordvietnam nach Südvietnam reichte und zum
Teil durch die Nachbarländer Laos und Kambodscha führten. Der Pfad
diente während des Vietnamkriegs als logistische Unterstützung des
Nordens für den im Süden kämpfenden Vietkong.
Wann der folgende Wegabschnitt den Namen seines Grossen
Bruders in Laos und Kambodscha erstmals bekam weiss ich nicht und
weiss wohl auch kein anderer mehr. Das Warum kann ich mir aber schon
eher vorstellen ...
Jedenfalls ist es schon hell geworden als wir am
Uferdamm der Emme in den Dschungel des Ho Chi Minh Pfades
eintauchen. Die Schrecken der Nacht sind ihm genommen, da in der
Helligkeit des angebrochenen Tages nun den Läufern keine
unsichtbaren Äste und Zweige mehr ins Gesicht klatschen.

Hier sieht der Weg noch gut aus

Noch gibt es keinen Grund zu klagen

Bei Tageslicht halb so schlimm. Allerdings sind die Steine in
der Mitte des Weges sehr rutschig und rechts und links davon ist der
Weg schlammig, weil er vom grossen
Regen noch sehr aufgeweicht ist
Wir laufen nun insgesamt etwa 10 Kilometer bis nach
Gerlafingen an der Emme entlang. Dies ist zugleich einer der
schönsten Wegabschnitte der ganzen Strecke. Der frühe Morgen und die
Helligkeit weckt in mir neue Lebensgeister. So kann ich endlich
einen Zahn zulegen, als die Wegverhältnisse wieder besser werden,
zumal an einem Dammabschnitt alle 100m eine Damm-Markierung zu
sehen ist. So kann man das augenblickliche Tempo gut
einschätzen. Besonders schön ist es dann schliesslich an der hier
abgebildeten Brücke, wo wir die Emme überqueren.

Brücke über die Emme

Der abgebildete Läufer sagt zu mir: "Diese schöne Stelle
entschädigt für so manches!"
Kurz nach Sieben rufe ich Gaby mit dem Handy im Hotel
an und mache für Kilometer 81 einen Treffpunkt aus, um nasse
Klamotten abgeben zu können. Ausserdem fordere ich 2 Powergels
an. Sie freut sich zu hören, dass es mir gut geht. Das ist nicht
gelogen, da ich momentan relativ schnell laufe und dabei etliche
Mitstreiter überholen kann.
Der lange Anstieg
Hinter dem noch verschlafenen Gerlafingen laufen wir
von Kilometer 68 bis etwa Kilometer 78 Richtung Bibern eine Strasse
entlang die zuerst fast unmerklich und sehr sanft, dann aber immer
steiler ansteigt.
Nach dem Zwischenspurt von KM 62 bis KM 68 verfalle
ich nun wieder in meinem gemütlichen und ziemlich langsamen
Laufschritt, während die meisten anderen Mitstreiter gehen. Wegen
meiner Schmerzen am rechten Achillessehnenabsatz wähle ich diese
Laufart. Sie strengt nicht an und ich habe dabei keine Beschwerden.
Dafür melden sich meine Blasen am Fusssohlenabsatz immer mehr zu
Wort. Jeder Schritt tut dabei weh. Wie gut, dass zwei
Laufgenossen, wohl von der Britischen Insel, hier richtig Stimmung
machen und es schaffen mich aufzumuntern. So blödele ich eine
Weile fröhlich mit und vergesse dabei all mein Schmerz und
Leid.

Die beiden Engländer in der Mitte veranstalten eine riesige
Gaudi. Es gelingt ihnen auch mich aufzumuntern, während der "Geher"
links sich nicht davon beeindrucken lässt.
Endlich hat sich auch der Morgennebel verzogen und in
Bibern (KM 76) erreichen wir den nächsten Verpflegungspunkt, wo man
auch aussteigen könnte. Von solchen Gedanken bin ich so "knapp" vor
dem Ziel natürlich weit entfernt, wenn gleich es dahinter noch
einmal ziemlich steil bergauf geht.

Kurz vor Bibern der letzten Teilstrecke, wo man mit Wertung
aussteigen kann.

Hier geht es bergauf. Vor mir ein Läufer mit Finisher T-Shirt
des Graubünden Marathons.

Blick zurück: Mit 76 Kilometern in den Knochen tut auch ein relativ
harmloser Anstieg weh.

Die Passhöhe ist erreicht und endlich können wir wieder etwas
Tempo machen.
Aber wir überwinden auch diesen Anstieg und ich
passiere mit stolzer Brust die imaginäre Linie meines mit 78,5 km
bis lang längsten Laufes, den Swiss Alpine K78.
Bergab läuft es sich zwar besser, aber man spürt dabei auch
jedes Wehwehchen und jede Blase stärker.
In dem winzigen Ort Arch erwarten mich schon freudig
Gaby und Rudolf. Ich entleere meinen Rucksack von unnötigem und
durchnässtem Ballast und lasse mir zwei Power Gels reichen. Nach
dieser einzigen "Hilfe von Aussen" laufe ich gemütlich
weiter.

Blick zurück: Mit 76 Kilometern in den Knochen tut auch ein relativ
harmloser Anstieg weh.

Die Passhöhe ist erreicht und endlich können wir wieder etwas
Tempo machen.
Neben meiner Blase am Fuss merke ich, dass ich mich an
einer unerwarteten Stelle, nämlich dem Hintern, wund reibe. Ich bin
sehr froh, dass ich Vaseline dabei habe und schmiere die kritische
Stelle an einem versteckten Plätzchen damit ein.
Wir laufen nun von KM 82 bis KM 91 immer auf einem
schönen Uferweg die Aare entlang.
Nach knapp 12 Stunden Lauf
passiere ich die imaginäre Linie des Doppelmarathons. Kurz
dahinter (bei Kilometer 85) fasse ich den Entschluss zu marschieren,
da die Schmerzen durch die beiden Blasen unter der dicken Hornhaut
so richtig schön weh tun. Mir tut zwar beim schnellen Marschieren
der rechte Sehnenansatz weh, aber das scheint momentan das geringere
Übel zu sein.
So beginnt mein langer Marsch nach Biel ...
Der lange Marsch
Der historische Lange Marsch war ein militärischer
Rückzug der chinesischen Volksbefreiungsarmee unter Mao Tse-Tung um der
Verfolgung der Kuomintang-Armee zu entgehen. Die Rote Armee
geführt von Mao Tse-Tung und Zhou Enlai, stand im Oktober 1934 in
der Jiangxi-Provinz am Rande der Vernichtung durch die Chiang
Kai-Shek Truppen. Die Kommunisten entkamen, indem sie sich
kreisförmig nach Norden zurückzogen. Sie legten innerhalb von 370
Tagen etwa 8000km zurück.
Mein Langer Marsch ist zwar weder 8000km lang noch
werde ich von jemanden anders als meinen Mitstreitern "verfolgt",
aber auch ich muss in den kommenden guten 2½ Stunden so
manche Entbehrungen auf mich nehmen. Ich muss auch als selbst
ernannter Genussläufer zugeben, dass sich ab nun der
Genuss etwas in Grenzen hält. Auch im
Gehen spüre ich meine Blasen bei jedem Schritt und meine Sehne
meldet sich immer wieder zu Wort.
Wenigstens geht es nun nicht auf Asphalt sondern auf
feinem Schotter immer sehr eben an der hübschen Aare
entlang.

Wir laufen - nein wir gehen nun am Uferweg der Aare entlang.
Im Hintergrund ein Mitstreiter mit Fahrradbegleitung.
Kurz vor Büren kommt die Sonne heraus und so
kommt die dortige hübsche überdachte Holzbrücke voll zur
Geltung.
Vor der Brücke queren wir ein überdachtes
Streckenfest. Einige Festende harren noch aus,
in der Nacht war da wohl mehr los.

Büren
Leider macht sich die Sonne nun auch dadurch
bemerkbar, dass sie regelrecht herunter sticht. Es wird nun richtig
warm. Ich denke ketzerisch: Erst Nebel, dann Wolkenbruch,
dann Kälte und nun Hitze! Was fehlt noch? Ah ja der Wind!
Und siehe da der Wetterteufel erhört mich. Schon einige Kilometer
später blasen kalte Sturmböen von den Juragipfeln herunter. Ich
beginne wieder zu frieren ...
Wir haben mittlerweile Kilometer 90 passiert und ich
habe die letzten 5 Kilometer marschierend in guten 50 Minuten
bewältigt. Nun sind die Abstände nur noch einstellig. Dafür wartet
jetzt auf den letzten 8-9 Kilometern noch einmal ein welliger Kurs
parallel zur Bieler Bahnlinie auf uns.

Hier geht es erst einmal ein Stück bergab, bevor der nächste
Anstieg auf uns wartet
Erhebend ist der Anblick der Markierung für Kilometer
95. Nun folgt wieder jeden Kilometer eine Markierung nachdem zuvor
nur alle 5 Kilometer markiert waren.
Nun kann es nicht mir so weit sein, obwohl mir immer
noch lästige Windböen entgegen blasen. So kurz vor dem Ziel
übersieht man so was gerne.
Die Trinkstelle bei Kilometer 97 lass
ich links liegen und nehme einen Schluck aus meinem eigenen
Fläschchen. Voll Vorfreude überlege ich mir schon eine
Strategie, wann ich den Marsch abbrechen werde und wieder in den
Laufschritt fallen will. Ich entscheide mich für KM 99,5.
Aber erst einmal passiere ich mit stolz erhobener Brust in einer Sturm
umtosten Sandgrube die magische 99 km Markierung.

99 Kilometer sind geschafft!
Noch einen Feldweg entlang und nach guten 5 Minuten
hinter Kilometer 99 beschliesse ich wieder anzutraben. Schon ist der
Zielkanal sichtbar.

Im Zielkanal
Das Ziel der Träume
Ich passiere ein Tor und eine Zeitnahmematte und meine
ich wäre schon im Ziel. Aber nein da stehen Gaby und Rudolf und
rufen mir mit den Finger deutend zu: "Das Ziel ist erst
dort!"

Das Phantomziel. Wir haben noch weitere 100 Meter zu laufen
So "sprinte" ich noch um die Kurve und weitere 100 Meter
weit ...
... bis ich nach sage und schreibe 100 Kilometern und
einer Zeit von 14 Stunden und 52 Minuten glücklich das Ziel meiner
Träume erreiche. Fast 15 Stunden! Wow war das lang!

Ich hab es geschafft!
Nach einem längeren Austausch meiner Erlebnisse mit
Gaby und Rudolf hole ich meine Umziehklamotten und betrachte meine
aufgeweichten und verhutzelten Fusssohlen und Blasen, bevor ich mich
unter die Dusche stelle.
Danach gehe ich im Tempo eines Tattergreises ins
Festzelt und nehme dort einen Imbiss ein. Vor Müdigkeit fallen mir
dabei fast die Augen zu.
Da ich ein Nickerchen nötig habe und ich
aber trotzdem auf den Zieleinlauf von Gaby und Rudolf beim
Halbmarathon warten will, wo der Startschuss um 14:00 fällt, lege
ich mich auf die sonnige Wiese am Zielkanal.
Nachdem ich eine gute Stunde dort geschlummert habe,
schaue ich mir die Zieleinläufe der 100 Kilometerläufer nach mir und
der Halbmarathon- und Büttenbergläufer an.

Hier läuft Werner Sonntag zum 30. Mal beim
Bieler Hunderter ein

Gabys Zieleinlauf nach 21,1 Kilometer
Am nächsten Tag bewege ich mich immer noch nicht allzu
flott voran.
Aber bereits drei Tage später gehen wir unsere
ersten Bergtouren in unserem Schweiz Urlaub im Anschluss, bevor ich
dann exakt zwei Wochen später beim Graubünden Marathon antrete.
Thomas Schmidtkonz
⇒ Original-Bericht