Vor Biel ist der Weg länger als in Biel



Am Anfang war die Idee ...

Nach den anstrengenden Weihnachtsfeiertagen, Silvester- Neujahr und privaten Geburtstagsfeiern, war eine Gewichtszunahme vorprogrammiert. Es war eben wie immer, an Nichts hatte es gefehlt. Kuchen, Sahne, leckere Bäckereien, Schwein in seinen besten Ausführungen, Käse satt, Champus, Wein, die kleinen Gläser und natürlich Apfelwein pur, "Man" lebt ja nur einmal.

Eigentlich ist der Mensch gestraft, wenn "Man" ein bisschen vom Leben erhaschen möchte.

Die Pflicht sollte (eben wie im vergangenem Jahr) BIEL sein, so war die Idee, "Man" gönnt sich ja sonst nichts.

... danach das Konzept und das Training ...

Also, musste ein Konzept her, welches die Durchführung auch realistisch erscheinen lässt. Mit Laufkollege und x-fach Finisher Walter war ich in den letzten Jahren mit viel Information immer gut vorbereitet gewesen.

Nun kam aber auf mich eine neue Situation zu. Moni ist, durch das Umfeld angeregt, auch auf den Geschmack des Laufens gekommen. Denn Laufen soll ja nicht gerade ungesund sein und so kam die Gelegenheit, dass mein Training mit Moni's Aktivitäten zu koppeln, gerade richtig sein könnte.

Mit dieser Vorgabe sollte sich mein "Jahresprogramm" so langsam gedanklich entwickeln. Und der noch offene Gedanke aus dem Vorjahr, das Vorhaben einer 5. Teilnahme in Biel, wurde immer wahrscheinlicher. Mit gemischten Gefühlen und ungeklärter Ideenvielfalt wollte ich mir jetzt einen Trainingsplan dafür erstellen. In der Vergangenheit, hatte ich mir immer Tipps von anderen geholt (meistens Walter) und damit einen Plan mit realistischen Vorgaben erstellt. Eigentlich sollte es ganz einfach werden, so wie gehabt, ein auf den anderen Tag Laufen und Ausruhen, und somit langsam die Kilometer nach oben schrauben, eben bis zu den ominösen 100...120 km pro Woche. War doch ganz einfach in der Vergangenheit. Mein Trainingsplan sollte als Ziel natürlich nicht nur Durchhalten und Ankommen beinhalten, sondern auch eine Verbesserung meiner persönlichen Bestzeit aus dem Vorjahr war angestrebt: 2003 12:09 Stunden. 2004 müsste dann also eine 11:xx Zeit drin liegen, wenn es gut laufen würde.

Der Trainingsplan hatte jetzt das Aussehen ein über den anderen Tag 10 bis 20 km und statt dem Ruhetag dazwischen, mit Moni leichte Joggingeinheiten um die 8 bis 10 km. Ein Kilometerdurchschnitt von lockeren 6½ Min. war das Grundmass. Mit 3 bis 5 längeren Einheiten wie auch mit ein paar Marathons sollte das Ganze dann abgerundet werden. Fertig. Der Plan sah eigentlich sehr gut aus.

Im Januar kam ich so auf 175 km. Einen Zwanziger wie auch die geplanten 35 km beim 50km Ultralauf im Rodgau stimmten mich zufrieden.

Der Februar zeigte mir dann meine Grenzen. Von Tag zu Tag wurde ich schwächer, ich verstand die Welt nicht mehr. Im täglichem Wechsel 8 bis 15 km hatten mir zwar insgesamt 323 km eingebracht, aber ich war vor dem Training schon kaputt. Mit Moni's lockeren Trainingseinheiten war nichts geworden. Sie zog das Tempo immer mehr Richtung 6er Minutenschnitt an. Nur einen Zwanziger hatte ich im Monat Februar vollbracht. Es zeigte sich, dass mein Körper die Ruhetage zwischen den Trainingseinheiten braucht. Für 4 Wochen am Stück zu trainieren und noch dazu Gewicht abbauen. So fit war ich noch lange nicht!

Der März musste mir nachträglich Erholung bringen. Wobei jetzt schon die ersten langen und schweren Läufe angedacht waren. Guter Rat war gefragt. Zuerst legte ich jetzt eine strenge Alkoholpause bis BIEL ein. Auch wurde beim Essensplan auf die nächtlichen Kühlschrankattacken verzichtet. Dann wurden Erholungstage im Doppelpack eingeplant. Mit Moni's Trainingseinheiten dazwischen wurde Schluss gemacht, sie waren ab jetzt feste Bestandteile im Wochenprogramm. 2 x 1 Stunde zusammen Joggen ohne Kilometervorgabe, dann alleine mit 5½ bis 6 Minutenschnitt 1 x 15 bis 20 km und ab und zu am Wochenende ein Lauf (Halbmarathon, Marathon oder mehr). 267 km kamen so zusammen, ein Halbmarathon (FFM), ein 30er (Friedberg), ein Marathon (Kandel) und der 50er von Eschollbrücken. Die Umstellung zeigte Wirkung, es wurde besser.

Der April mit 289 km gesamt und Tageseinheiten mit 15 bis 20 km sowie Wochenendläufen, 25 km Seligenstadt, 25 km Jügesheim, 50 km beim 60 km Ultralauf Marburg, sowie ein Halbmarathon zeigten mir nicht nur ein Ansteigen der Formkurve, sondern auch mein Gewicht änderte sich nach unten! Das Umstellen hatte sich bewährt. Ich hatte wieder Kraft in den Beinen.

Für Mai nahm ich dann ein paar Ruhetage aus dem Konzept heraus und dafür kamen lange Strecken dazu. 479 km gesamt sowie am Wochenende die Läufe, 18 km Spessart (Werners Sauerstofflauf), Halbmarathon Krotzenburg, Halbmarathon Mühlheim (Mainuferlaufstrecke), Marathon Mainz, Marathon Würzburg, 30er Giessen, Halbmarathon Kahl, auch die Tageseinheiten wurden noch etwas angezogen ein 5 bis 5 ½ Minutenschnitt war jetzt Standard.

Der Juni brachte für die restlichen Tage nur noch Erholung. Was bis jetzt nicht da war an Leistung konnte nicht mehr nachgeholt werden. 55 km auf 10 Tage verteilt alles ganz locker.


Moni (21 Km in Kahl)



Wolfgang und Walter (30 Km in Staufenberg)


Für BIEL waren die Vorbereitungen jetzt am Ende, soweit wie es mir möglich war, wollte ich nun mein Vorhaben auch umsetzen.

Insgesamt kamen 1570 km zusammen, Durchschnittgeschwindigkeit 6,23 Minuten, bei 110 Tageslaufeinheiten und einem Wochenschnitt von 65 km. Im Vergleich zum Vorjahr sind es 18 km mehr gewesen, bei zusätzlichen 11 Tageseinheiten und einer Verbesserung im Durchschnittsgeschwindigkeit um 0,01 Minuten. Mein Körpergewicht hatte sich wie im Vorjahr auf den gleichen Wert eingependelt.

So fühlte ich mich zwar bereit für BIEL, aber viele Fragen waren noch immer unbeantwortet, solange der Beweis nicht erbracht wurde. Waren es zu viele Trainingskilometer, zu wenige, zum falschen Zeitpunkt, zu langsam, zu schnell, mit zu viel Gewicht, zu wenig Erholung, die falschen Schuhe, Socken usw. eben alles worum man sich Gedanken macht. Etwas Hoffnung hatte ich schon, dass ich mein Ziel erreichen könnte, aber wer BIEL schon einmal erlebt hat, weiss was ich meine. 100 km mit bestem Wetter, keine Krämpfe, immer genug Kraft als Reserve für die Steigungen, Schuhe, Socken, Klamotten eben all die kleinen und grossen Probleme alles im "Griff" so ist BIEL wunderbar, bestens, das Highlight. Aber wehe, der Schuh, die Socke, Regen, Krämpfe, Durchfall machen sich unangenehm bemerkbar, viele können ein Lied davon singen welche Schweinehunde besiegt werden müssen, bevor man das Ziel der Strecke und den Sieg über Alles erreicht hat.

Der Tag (bezw. Die Nacht der Nächte) von BIEL stand vor der Tür und ich wollte ihn bestehen.

... und zum Schluss die Durchführung

Dieses mal wollte ich bei meiner 5. Teilnahme nicht nur das Finisher T-Shirt in den Händen halten, nein, auch die begehrte Sondermedaille 5. erfolgreiche Teilnahme sollte jetzt dazu gehören. Mein Ziel war also Teilnehmen, Durchkommen und Empfangen.

Am Jahresanfang war zwischen Walter und mir die Frage ob "BIEL ja" oder "BIEL nein" eigentlich nicht zu klären, sollte nichts gravierendes dazwischen kommen würden wir beide an den Start gehen. Mehr noch: Wir wollten beide das letztjährige Ergebnis toppen, Walter mit seiner 19. erfolgreichen Teilnahme und ich mit der Bestätigung meiner letzten gelaufenen Zeit.

Trotz gemeinsamem Ziel wollte am Jahresanfang keine richtige Termingestaltung zwischen uns zustande kommen. Termine von beiden Seiten legten unsere anfänglichen Bemühungen irgendwie immer lahm. So waren unsere Bemühungen auf Lorsbach beschränkt, es ergab sich nichts Konkretes. Der eine oder andere Termin (Halbmarathon, Marathon oder mehr) wurde dann mit ins Konzept eingebunden, aber eine beidseitige kongruente Trainingsplanung kam nicht zu Stande. Nun, kurz vor der Abfahrt hier in Obertshausen, war aber die getrennte Vorbereitung für jeden abgeschlossen. Eine kleine Truppe des Offenbacher Leichtathletik Club (OLC) hatte wieder das Bielfieber gepackt und machte sich auf den Weg.

Anfahrt

Donnerstag den 10.06.2004 (Fronleichnam) 8:30 Uhr Abfahrt Obertshausen in Richtung Schweiz, BIEL-BIENNE. Die Fahrt wurde begleitet mit hoffenden Blicken gen Himmel, wie würde sich das Wetter weiter entwickeln? Eine Reisepause legten wir wie letztes Jahr kurz vor der Grenze ein, um badisches Essen zu geniessen. In Schlingen hatten wir ein rustikales Gasthaus ausfindig gemacht und liessen uns mit einem kleinem Imbiss und badischem Getränk verwöhnen. Etwas erschreckt müssten wir bei der Rechnung feststellen, hier herrschen schon "Schweizer Preise", oder war der € auch im badischen der Teuro. Die Weiterfahrt durch den Jura hatte aber uns schnell wieder in die Wettersituation eingebunden. Dunkle Wolken, kühl und eine Wetterfront liessen uns nichts Gutes ahnen.

In Biel angekommen trafen wir die Schwester von Maria, Luzia mit Lebenspartner Philipp. Zusammen holten wir (d.h. Maria, Moni, Luzia, Walter, Philipp und ich) dann die Startunterlagen im Eisstadion (Start, Ziel) ab. Hier gab es wieder das obligatorische Pastaessen (5 Franken Selbstbeteiligung), aber keiner von uns war davon begeistert, wir konnten es übergehen. Zusammen machten wir noch eine Runde durch die Verkaufsstände, um auch bekannte Gesichter, (Walter und Maria kennen hier die halbe Szene) zu begrüssen. Danach fuhren wir dann ins Hotel La Truite, wo wir herzlich empfangen wurden. Jetzt schlug die Stunde der Gourmets. Die bekannte Küche des Hausherrn sollte uns noch einmal so richtig verwöhnen. Aber wie uns schon den ganze Tag das Thema Wetter verfolgte, jetzt war es wieder präsent, ein Gewitter machte sich breit und unsere Hoffnung BIEL trocken durchzustehen schwand rapide. Das hervorragende Essen mit einem Glas Wein konnte trotzdem unsere Bedenken nicht besänftigen. Hoffen auf eine Wetterbesserung hier im Jura war angesagt. Die baldige Bettruhe ist schon fast zwingend, damit am nächsten Tag noch ein Stadtbummel gemacht werden konnte, denn nachmittags wollten wir alle dann noch etwas ruhen, vor dem Start.

Walter Lucia Phillipp Maria Wolfgang
Walter Lucia Phillipp Maria Wolfgang


Starttag

Freitag, den 11. Juni 2004. 9 Uhr Frühstück, danach Shopping in Biel mit einem Mittagessen als Abschluss. Rückfahrt ins Hotel, Mittagsruhe bis 18:00 Uhr. Vorbereitungen für den Lauf. Klamottenfrage musste jeder für sich selbst festlegen, denn die Wetterlage ist nicht wesentlich besser geworden. Nicht ganz kurz aber ohne Regenjacke war mein Endschluss.

Als Vorgabe hatte ich mir 12 Stunden vorgestellt. Um die letzten Kilometer etwas angenehmer zu gestalten hatte ich mit Moni abgesprochen, dass sie mich beim Verpflegungspunkt teffen und nach Kilometer 80 begleiten sollte. Denn ihre Laufstabilität ist in meiner Vorbereitungsphase erheblich gestiegen und ein Halbmarathon gehört jetzt zu ihrer Grundausstattung.

So sollte sie eine Stütze für mich sein, wenn ich eben nach Kilometer 80 ohne Kraft und Willen nicht mehr vorwärtskommen sollte, auch ein gleichmässiges Durchschnittstempo im 6,xx Schnitt wäre dann von Vorteil für mich gewesen. Als Merkmal, falls ich für meine Verhältnisse überdurchschnittlich gut sein sollte, hatten wir ein Zeichen verabredet. So wollte ich meine Mütze (Regenschutz) am Verpflegungsstand aufhängen, wenn ich die angestrebte Uhrzeit schon passiert hätte. Morgens 6:15 – 6:30 Uhr war Stichzeit am Verpflegungspunkt. Etwa 7:15 Uhr war es im Vorjahr, als die an diesem Verpflegungspunkt vorbei kam. Diesmal etwas schneller zu sein schien mir nach meiner seriösen Vorbereitung fast ein Muss.

Wir fuhren gegen 21.00 Uhr vom Hotel mit gemischten Gefühlen nach BIEL zum Start. Denn die Wetterlage war instabil, zur Zeit noch ohne Regen aber er sollte noch kommen. Im und um das Eisstadion kam so langsam Hektik auf. Denn vor dem Lauf wird alles auf einmal nervös.

Mitten im Gedränge sass unser Vereinskollege Hans-Jürgen Renschler im Zelt. Das Hallo war gross, denn wir hatten nicht mehr mit seinem Erscheinen gerechnet. Aber Hans-Jürgen zeigte Charakter. Er war zwar nicht mit Laufschuhen ausgestattet, aber er wollte sich und uns nicht enttäuschen. Er hatte in der Vorbereitungsphase (beim Freiburger Marathon) Walter zugesagt, dass er teilnimmt. Er war hier und wollte mit Wanderschuhen die 100 km bezwingen. Hochachtung Hans-Jürgen. So konnte der Start also kommen. Der OLC war nun mit Walter, Hans-Jürgen und mir beim 100 km Lauf vertreten.

Hans-Juergen Walter Wolfgang
Hans-Juergen Walter Wolfgang
kurz vor dem Start


Start

Der Start erfolgte Punkt 22:00 Uhr. Dann setzte sich eindrucksvoll das grosse Feld der Einzelstarter in Bewegung. 2400 Teilnehmer sind schon eine tolle Kulisse. Es ist in der Anfangsphase nicht leicht sein Tempo zu finden, da die ersten Kilometer durch die Bieler Innenstadt von vielen Zuschauern gesäumt sind, die uns Läufer mit starkem Beifall beeinflussen. Im Stadtbereich hatten wir uns schon getrennt, damit jeder sein Tempo einhalten konnte. Mein Tempo wollte ich schon in der von mir vorgenommenen Zeit einhalten, damit ich die gesteckten Ziele auch erreiche. Bei Kilometer 10 ist dann jedem Läufer klar: jetzt ist Bielzeit. Die ersten kräftigen Anstiege hat man dann erreicht.

Das Tempo und die Euphorie werden deutlich eingeschränkt. Wir zweigen auf unbeleuchtete Strassen ab. Es kommen erste Abschnitte ohne Asphalt. Erstaunlich was man noch sieht, wenn der Weg praktisch im Dunkeln liegt. Allerdings muss man sich schon sehr auf die Unterlage konzentrieren, aus kleinsten Helligkeitsnuancen rechtzeitig auf Unebenheiten schliessen.

Bei Kilometer 18 läuft man über die legendäre Holzbrücke nach Aarberg, wo die stimmungsvolle Atmosphäre auf dem Aarberger Marktplatz kaum zu überbieten ist. Neu war die Streckenführung hinein nach Lyss, das durch eine Fussgängerunterführung erreicht wurde. Lyss (das früher südlich umlaufen wurde) bestand seine Feuertaufe mit Bravour. Die Bevölkerung liess es sich nicht entgehen, dem mitternächtlichen Spektakel beizuwohnen. Da jetzt Mitternacht vorbei war und die meisten Läufer sich warmgelaufen haben, sind die Dunkelheit und das kühle Wetter der ständige Begleiter für alle. In der Dunkelheit kann man einzelne Läufer kaum noch erkennen. Der Lichtkegel von Fahrradbekleidung oder Taschenlampen sind das Einzige was noch zu erkennen ist. Nebelschwaden und Bodennebel, in der Dunkelheit lässt sich die Strecke manchmal fast nur erahnen. Bei mir lief es erstaunlich gut.

Eine lästige Entzündung im linken Fuss machte sich wieder bemerkbar. Mir blieb nichts anders übrig als den Laufstiel umzustellen. Was ich eigentlich erst ab Kilometer 60 oder 70 vor hatte. Denn in diesem Bereich bin ich als Vorfussläufer restlos muskulär am Ende. Ein Umstellen auf den Abrollschritt ist dann für mich absolut unumgänglich. In der Vorbereitungsphase hatte ich schon mehrfach Schuhe und Einlagen verschiedener Sorten ausprobiert um diesem Thema eigentlich aus dem Weg zu gehen. Es sollte scheinbar nicht sein. Zum Glück kann man in der Dunkelheit das Hoch und Runter nicht sehen. Die Strecke ist dann einfach nur schwer. Die Kilometer werde jetzt langsam auch in den Beinen spürbar.

Die neue Streckenführung lässt einen öfters als gewohnt überlegen ob man überhaupt noch auf der richtigen Strecke ist. Nach Kilometer 50 kann man den Kirchturm von Kirchberg sehen, das gibt einem dann die Sicherheit jetzt ist man richtig. Denn nach Kirchberg und eingangs des Emmedammes folgen die schweren Kilometer des Ho-Chi-Minh-Pfades, der von den Regengüssen der letzten Tage mit tiefhängenden Ästen noch eine neue Variante aufwies. Das "Markenzeichen" ist mit Wurzeln und Steinen übersät, auch ein Überholen ist hier fast nicht möglich. Die Läufer reihen sich wie auf einer Kette auf. Wenn man Glück hat erwischt man einen flotten Anschluss, den man jetzt nicht verlieren sollte. Die an der Spitze laufenden haben meistens eine Lampe mit dabei und es werden für die gefährlichen Stellen dann laute Hinweise gerufen. Stein- Stein- Stein- Stein, Ast- Ast- Ast- Ast. Es ist erfreulich wie hoch hier die Kameradschaft jedes Einzelnen ist. In der Dunkelheit wäre man ohne Licht hoffnungslos verloren.

Fast am Ende des Ho-Chi-Minh-Pfades war für mich wie auch für die meisten Teilnehmer die "trockene Zeit" vorbei. Es bedeutet für uns "Wasser marsch". Der Himmel hatte seine Schleusen geöffnet. Dieses Spektakel wurde mit einer ganzen Schar von Blitzen und Wetterleuchten angekündigt.

Nach dem Emmedamm führt die Strecke auf den bekannten Wegen über den Bahndamm in Hinterkofen hinauf nach Bibern, danach auf direktem Weg nach Arch. Gossliwil wurde neuerdings ausgespart. Leider musste dadurch auch auf kürzerem Weg die letzte grosse Anhöhe überwunden werden, steiler als zuvor. Zum Ausgleich ging es nach Arch weniger steil hinunter als früher. Eine Zeitkontrolle alle 10 Kilometer zeigte mir, Yaeeeeh ich war gut drauf. Kilometer 80 hatte ich um 6:00 Uhr Morgens erreicht. Für mich war dies fantastisch.

Der Verpflegungspunkt, ab dem ich mit Moni zusammen laufen wollte, war gleich erreicht. Dort angekommen fing ich erst einmal genau zu rechnen an. Zu schnell, ich war zu schnell. Jetzt hoffte ich, dass Moni doch noch früher hierher kommen würde. Mein Blick ging immer wieder von der Uhr zu beiden Richtungen der Strasse. Aber es kam kein Auto. In der Zwischenzeit hatte ich mir Kekse, Tee, Wasser, Brot und Bouillon einverleibt. Auch hatte ich mich am Strassenrand hingesetzt. Mein Warten machte mich unruhig. Viele andere Läufer sind an mir jetzt vorbeigelaufen. Etwas Sicherheit auf meinen erreichten Rang hatte ich, weil ich aus der Vergangenheit wusste, dass ich am Ende die Kilometer in einer stabilen Zeit laufen kann, und so den Einen oder Anderen wieder einholen werde. 6:15 Uhr beschloss ist dann aber weiter zu laufen und als Erkennungszeichen die Mütze an der Verpflegungsstelle hinzuhängen. Beim Aufstehen muss ich wohl um 100 Jahre gealtert sein. Es ging nicht mehr. Weder ganz aufstellen noch wieder hinsetzen. In Minuten war ich zum "Krüppel" geworden. Die umherstehenden Läufer mussten sich das Lachen verkneifen, manch einer drehte sich um, mir aber war es überhaupt nicht zum Lachen. Mit aller Macht stellte ich mich dann doch endlich auf und versuchte die ersten Schritte zu gehen. Nach ca. 100 Metern ging es schon etwas besser, und ich konnte in den schleifenden Laufschritt übergehen. Die nächste Verpflegungsstelle war ca. bei Kilometer 87 in Büren.

7:00 Uhr. Ich konnte es kaum fassen. Die Beine und Füsse schmerzten, und sie liessen sich überhaupt nicht mehr richtig bewegen. Beide Hände voll mit Bechern von Bouillon und Iso-Getränken ging ich Richtung Ziel. Irgendwie musste ich es doch noch schaffen. Für mein Vorhaben Durchkommen und noch eine persönliche Bestzeit vielleicht zu erreichen, hatte ich noch 2½ Stunden für ca. 13 Kilometer Zeit. Kurz nach dem Verpflegungsstand Büren wurde der Fluss Aare überquert. Mitten auf der Brücke traute ich meinen Augen nicht. Moni kam lächelnd mir im lockeren Joggingschritt entgegen. War jetzt die Rettung da? Nach kurzen Erklärungen im Gehschritt Richtung Biel, war meine Situation zwar nicht besser, aber Moni munterte mich auf. Die immer wieder versuchten Laufansätze endeten nach ein paar Metern. Die Beine waren fest. Es war zum K.......

Noch am Altarm der Aare kam km 90. Danach führte der Weg unweit von Pieterlen hinauf in den Wald. Parallel entlang der Bahntrasse auf dem Waldweg, der durch den nächtlichen Regenguss mit "Matsch satt" auch nicht leichter wurde, sind unsere Laufversuche allmählich belohnt worden. Nach Kilometer 95 waren meine Beine wieder bereit Laufbewegungen zuzulassen. Aber die Zeit hatte sich merklich meinem Ziel genähert. Die letzten 3 Kilometer konnte ich dann wieder im 6,xx Schritt mit Moni zusammen bis in das ersehnte ZIEL durchhalten.

Ziel

Um 9:47 Uhr ist das Ziel erreicht. 11:47.03 Std. meine Endzeit, Gesamtrang 557, M50 Rang 77. Durchgekommen und persönliche Bestzeit, was wollte ich mehr!

Wir, Moni und ich, gingen dann zum Getränkestand um uns zu erfrischen. Auch wollten wir auf Walter und Hans-Jürgen warten. In der Zwischenzeit war Maria am Zielbereich eingetroffen. Sie hatte für den Halbmarathon gemeldet. Und der Start sollte bald erfolgen. Als Walter ins Ziel kam, klagte er doch über Leistenbeschwerden, die ihn schon sehr früh auf der Strecke erfassten. Aber Durchkommen war das Ziel. Bei Hans-Jürgen wurde der Zeitrahmen, welcher er sich vorgegeben hatte, überschritten und er liess es deshalb diesmal bei 56.1 km bewenden. Wir haben uns dann nach all den Strapazen von Moni ins Hotel bringen lassen.

Siegertrunk 100km Biel
Siegertrunk


OLC-Resultate:
19. Teilnahme, Walter Helmes, 15:22:53 Std., Platz 1073 (64./M60) Obertshausen
5. Teilnahme, Wolfgang Sacher, 11:47:03 Std., Platz 559 (78/M50) Mühlheim
2. Teilnahme, Hans-Jürgen Renschler, bis 2. Teilstrecke 10:05:02 (TS2 Platz 27/M45) Basel


Wolfgang Sacher


⇒ Original-Bericht