Vor Biel ist der Weg länger als in Biel
Am Anfang war die Idee ...
Nach den anstrengenden Weihnachtsfeiertagen, Silvester- Neujahr und privaten
Geburtstagsfeiern, war eine Gewichtszunahme vorprogrammiert.
Es war eben wie immer, an Nichts hatte es gefehlt. Kuchen, Sahne, leckere Bäckereien,
Schwein in seinen besten Ausführungen, Käse satt, Champus, Wein, die
kleinen Gläser und natürlich Apfelwein pur, "Man" lebt ja nur einmal.
Eigentlich ist der
Mensch gestraft, wenn "Man" ein bisschen vom Leben erhaschen möchte.
Die Pflicht sollte (eben wie im vergangenem Jahr) BIEL sein, so war die Idee, "Man" gönnt
sich ja sonst nichts.
... danach das Konzept und das Training ...
Also, musste ein Konzept her, welches die Durchführung auch realistisch erscheinen lässt.
Mit Laufkollege und x-fach Finisher Walter war ich in den letzten Jahren mit viel
Information immer gut vorbereitet gewesen.
Nun kam aber auf mich eine neue Situation zu.
Moni ist, durch das Umfeld angeregt, auch auf den Geschmack des Laufens gekommen.
Denn Laufen soll ja nicht gerade ungesund sein und so kam die Gelegenheit, dass mein Training
mit Moni's Aktivitäten zu koppeln, gerade richtig sein könnte.
Mit dieser Vorgabe sollte sich mein "Jahresprogramm" so langsam gedanklich entwickeln.
Und der noch offene Gedanke aus dem Vorjahr, das Vorhaben einer 5. Teilnahme in Biel, wurde
immer wahrscheinlicher. Mit gemischten Gefühlen und ungeklärter Ideenvielfalt
wollte ich mir jetzt einen Trainingsplan dafür erstellen.
In der Vergangenheit, hatte ich mir immer Tipps von anderen geholt (meistens
Walter) und damit einen Plan mit realistischen Vorgaben erstellt.
Eigentlich sollte es ganz einfach werden, so wie gehabt, ein auf den anderen Tag Laufen und
Ausruhen, und somit langsam die Kilometer nach oben schrauben, eben bis zu
den ominösen 100...120 km pro Woche. War doch ganz einfach in der Vergangenheit.
Mein Trainingsplan sollte als Ziel natürlich nicht nur Durchhalten und Ankommen beinhalten,
sondern auch eine Verbesserung meiner persönlichen Bestzeit aus dem
Vorjahr war angestrebt: 2003 12:09 Stunden. 2004 müsste dann also eine
11:xx Zeit drin liegen, wenn es gut laufen würde.
Der Trainingsplan hatte jetzt das Aussehen ein über den anderen Tag 10 bis 20 km und statt
dem Ruhetag dazwischen, mit Moni leichte Joggingeinheiten um die 8 bis 10
km. Ein Kilometerdurchschnitt von lockeren 6½ Min. war das Grundmass. Mit
3 bis 5 längeren Einheiten wie auch mit ein paar Marathons sollte das
Ganze dann abgerundet werden. Fertig. Der Plan sah eigentlich sehr gut aus.
Im Januar kam ich so auf 175 km. Einen Zwanziger wie auch die geplanten 35 km beim 50km
Ultralauf im Rodgau stimmten mich zufrieden.
Der Februar zeigte mir dann meine Grenzen. Von Tag zu Tag wurde ich schwächer, ich verstand
die Welt nicht mehr. Im täglichem Wechsel 8 bis 15 km hatten mir zwar insgesamt 323 km
eingebracht, aber ich war vor dem Training schon kaputt. Mit Moni's lockeren
Trainingseinheiten war nichts geworden. Sie zog das Tempo immer
mehr Richtung 6er Minutenschnitt an. Nur einen Zwanziger hatte ich im Monat
Februar vollbracht. Es zeigte sich, dass mein Körper die Ruhetage zwischen
den Trainingseinheiten braucht. Für 4 Wochen am Stück zu trainieren und
noch dazu Gewicht abbauen. So fit war ich noch lange nicht!
Der März musste mir nachträglich Erholung bringen. Wobei jetzt schon die ersten langen und
schweren Läufe angedacht waren. Guter Rat war gefragt.
Zuerst legte ich jetzt eine strenge Alkoholpause bis BIEL ein. Auch wurde beim Essensplan
auf die nächtlichen Kühlschrankattacken verzichtet. Dann wurden
Erholungstage im Doppelpack eingeplant. Mit Moni's Trainingseinheiten
dazwischen wurde Schluss gemacht, sie waren ab jetzt feste Bestandteile im
Wochenprogramm. 2 x 1 Stunde zusammen Joggen ohne Kilometervorgabe, dann
alleine mit 5½ bis 6 Minutenschnitt 1 x 15 bis 20 km und ab und zu am
Wochenende ein Lauf (Halbmarathon, Marathon oder mehr). 267 km kamen so zusammen, ein
Halbmarathon (FFM), ein 30er (Friedberg), ein Marathon (Kandel) und der 50er von Eschollbrücken.
Die Umstellung zeigte Wirkung, es wurde besser.
Der April mit 289 km gesamt und Tageseinheiten mit 15 bis 20 km sowie Wochenendläufen, 25 km
Seligenstadt, 25 km Jügesheim, 50 km beim 60 km Ultralauf Marburg,
sowie ein Halbmarathon zeigten mir nicht nur ein Ansteigen der Formkurve,
sondern auch mein Gewicht änderte sich nach unten! Das Umstellen hatte
sich bewährt. Ich hatte wieder Kraft in den Beinen.
Für Mai nahm ich dann ein paar Ruhetage aus dem Konzept heraus und dafür kamen lange
Strecken dazu. 479 km gesamt sowie am Wochenende die Läufe, 18 km Spessart (Werners
Sauerstofflauf), Halbmarathon Krotzenburg, Halbmarathon Mühlheim (Mainuferlaufstrecke),
Marathon Mainz, Marathon Würzburg, 30er Giessen, Halbmarathon Kahl,
auch die Tageseinheiten wurden noch etwas angezogen ein 5 bis 5 ½
Minutenschnitt war jetzt Standard.
Der Juni brachte für die restlichen Tage nur noch Erholung. Was bis jetzt nicht da war an
Leistung konnte nicht mehr nachgeholt werden. 55 km auf 10 Tage verteilt
alles ganz locker.

Moni (21 Km in Kahl)

Wolfgang und Walter (30 Km in Staufenberg)
Für BIEL waren die Vorbereitungen jetzt am Ende, soweit wie es mir möglich war,
wollte ich nun mein Vorhaben auch umsetzen.
Insgesamt kamen 1570 km zusammen, Durchschnittgeschwindigkeit 6,23 Minuten, bei 110
Tageslaufeinheiten und einem Wochenschnitt von 65 km.
Im Vergleich zum Vorjahr sind es 18 km mehr gewesen, bei zusätzlichen 11 Tageseinheiten und
einer Verbesserung im Durchschnittsgeschwindigkeit um 0,01 Minuten.
Mein Körpergewicht hatte sich wie im Vorjahr auf den gleichen Wert eingependelt.
So fühlte ich mich zwar bereit für BIEL, aber viele Fragen waren noch immer unbeantwortet, solange der
Beweis nicht erbracht wurde. Waren es zu viele Trainingskilometer, zu wenige, zum
falschen Zeitpunkt, zu langsam, zu schnell, mit zu viel Gewicht, zu wenig Erholung, die falschen Schuhe,
Socken usw. eben alles worum man sich Gedanken macht. Etwas Hoffnung
hatte ich schon, dass ich mein Ziel erreichen könnte, aber wer BIEL schon
einmal erlebt hat, weiss was ich meine. 100 km mit bestem
Wetter, keine Krämpfe, immer genug Kraft als Reserve für die Steigungen,
Schuhe, Socken, Klamotten eben all die kleinen und grossen Probleme alles
im "Griff" so ist BIEL wunderbar, bestens, das Highlight.
Aber wehe, der Schuh, die Socke, Regen, Krämpfe, Durchfall machen sich unangenehm bemerkbar, viele
können ein Lied davon singen welche Schweinehunde besiegt werden müssen, bevor man das Ziel der
Strecke und den Sieg über Alles erreicht hat.
Der Tag (bezw. Die Nacht der Nächte) von BIEL stand vor der Tür und ich wollte ihn bestehen.
... und zum Schluss die Durchführung
Dieses mal wollte ich bei meiner
5. Teilnahme nicht nur das Finisher T-Shirt in den Händen halten, nein,
auch die begehrte Sondermedaille 5. erfolgreiche Teilnahme sollte jetzt
dazu gehören.
Mein Ziel war also Teilnehmen, Durchkommen und Empfangen.
Am Jahresanfang war zwischen Walter und mir die Frage ob "BIEL ja" oder "BIEL nein" eigentlich nicht zu klären,
sollte nichts gravierendes dazwischen kommen würden wir beide an den Start gehen.
Mehr noch: Wir wollten beide das letztjährige Ergebnis toppen, Walter mit seiner
19. erfolgreichen Teilnahme und ich mit der Bestätigung meiner letzten gelaufenen Zeit.
Trotz gemeinsamem Ziel wollte am Jahresanfang keine richtige Termingestaltung zwischen uns
zustande kommen. Termine von beiden Seiten legten unsere anfänglichen Bemühungen irgendwie immer lahm.
So waren unsere Bemühungen auf Lorsbach beschränkt, es ergab sich nichts Konkretes.
Der eine oder andere Termin (Halbmarathon, Marathon oder mehr) wurde
dann mit ins Konzept eingebunden, aber eine beidseitige kongruente
Trainingsplanung kam nicht zu Stande. Nun, kurz vor der Abfahrt hier in Obertshausen, war
aber die getrennte Vorbereitung für jeden abgeschlossen. Eine kleine Truppe des
Offenbacher Leichtathletik Club (OLC) hatte wieder das Bielfieber gepackt und machte sich auf den Weg.
Anfahrt
Donnerstag den 10.06.2004 (Fronleichnam) 8:30 Uhr Abfahrt Obertshausen in
Richtung Schweiz, BIEL-BIENNE. Die Fahrt wurde begleitet mit
hoffenden Blicken gen Himmel, wie würde sich das Wetter weiter entwickeln?
Eine Reisepause legten wir wie letztes Jahr kurz vor der Grenze ein, um
badisches Essen zu geniessen. In Schlingen hatten wir ein rustikales
Gasthaus ausfindig gemacht und liessen uns mit einem kleinem Imbiss und
badischem Getränk verwöhnen. Etwas erschreckt müssten wir bei der Rechnung
feststellen, hier herrschen schon "Schweizer Preise", oder war der € auch
im badischen der Teuro. Die Weiterfahrt durch den Jura hatte aber uns
schnell wieder in die Wettersituation eingebunden. Dunkle Wolken, kühl und
eine Wetterfront liessen uns nichts Gutes ahnen.
In Biel angekommen trafen
wir die Schwester von Maria, Luzia mit Lebenspartner Philipp. Zusammen
holten wir (d.h. Maria, Moni, Luzia, Walter, Philipp und ich) dann die
Startunterlagen im Eisstadion (Start, Ziel) ab. Hier gab es wieder das
obligatorische Pastaessen (5 Franken Selbstbeteiligung), aber keiner von
uns war davon begeistert, wir konnten es übergehen. Zusammen machten wir
noch eine Runde durch die Verkaufsstände, um auch bekannte Gesichter,
(Walter und Maria kennen hier die halbe Szene) zu begrüssen. Danach fuhren
wir dann ins Hotel La Truite, wo wir herzlich empfangen wurden. Jetzt
schlug die Stunde der Gourmets. Die bekannte Küche des Hausherrn sollte
uns noch einmal so richtig verwöhnen. Aber wie uns schon den ganze Tag das
Thema Wetter verfolgte, jetzt war es wieder präsent, ein Gewitter machte sich
breit und unsere Hoffnung BIEL trocken durchzustehen schwand rapide. Das
hervorragende Essen mit einem Glas Wein konnte trotzdem unsere Bedenken
nicht besänftigen. Hoffen auf eine Wetterbesserung hier im Jura war
angesagt. Die baldige Bettruhe ist schon fast zwingend, damit am nächsten
Tag noch ein Stadtbummel gemacht werden konnte, denn nachmittags wollten
wir alle dann noch etwas ruhen, vor dem Start.

Walter Lucia Phillipp Maria Wolfgang
Starttag
Freitag, den 11. Juni 2004.
9 Uhr Frühstück, danach Shopping in Biel mit einem Mittagessen als Abschluss.
Rückfahrt ins Hotel, Mittagsruhe bis 18:00 Uhr. Vorbereitungen für den
Lauf. Klamottenfrage musste jeder für sich selbst festlegen, denn die
Wetterlage ist nicht wesentlich besser geworden. Nicht ganz kurz aber ohne
Regenjacke war mein Endschluss.
Als Vorgabe hatte ich mir 12 Stunden vorgestellt. Um die letzten Kilometer etwas angenehmer zu
gestalten hatte ich mit Moni abgesprochen, dass sie mich beim
Verpflegungspunkt teffen und nach Kilometer 80 begleiten sollte. Denn ihre
Laufstabilität ist in meiner Vorbereitungsphase erheblich gestiegen und
ein Halbmarathon gehört jetzt zu ihrer Grundausstattung.
So sollte sie eine Stütze für
mich sein, wenn ich eben nach Kilometer 80 ohne Kraft und Willen nicht mehr
vorwärtskommen sollte, auch ein gleichmässiges Durchschnittstempo im 6,xx
Schnitt wäre dann von Vorteil für mich gewesen. Als Merkmal, falls ich für
meine Verhältnisse überdurchschnittlich gut sein sollte, hatten wir ein
Zeichen verabredet. So wollte ich meine Mütze (Regenschutz) am
Verpflegungsstand aufhängen, wenn ich die angestrebte Uhrzeit schon
passiert hätte. Morgens 6:15 – 6:30 Uhr war Stichzeit am
Verpflegungspunkt. Etwa 7:15 Uhr war es im Vorjahr, als die an diesem
Verpflegungspunkt vorbei kam. Diesmal etwas schneller zu sein schien mir
nach meiner seriösen Vorbereitung fast ein Muss.
Wir fuhren gegen 21.00 Uhr vom Hotel mit gemischten Gefühlen nach BIEL zum
Start. Denn die Wetterlage war instabil, zur Zeit noch ohne Regen aber er
sollte noch kommen. Im und um das Eisstadion kam so langsam Hektik auf.
Denn vor dem Lauf wird alles auf einmal nervös.
Mitten im Gedränge sass unser Vereinskollege Hans-Jürgen Renschler im Zelt.
Das Hallo war gross, denn wir
hatten nicht mehr mit seinem Erscheinen gerechnet. Aber Hans-Jürgen zeigte
Charakter. Er war zwar nicht mit Laufschuhen ausgestattet, aber er wollte
sich und uns nicht enttäuschen. Er hatte in der Vorbereitungsphase (beim
Freiburger Marathon) Walter zugesagt, dass er teilnimmt. Er war hier und
wollte mit Wanderschuhen die 100 km bezwingen. Hochachtung Hans-Jürgen. So
konnte der Start also kommen. Der OLC war nun mit Walter, Hans-Jürgen und
mir beim 100 km Lauf vertreten.

Hans-Juergen Walter Wolfgang
kurz vor dem Start
Start
Der Start erfolgte Punkt 22:00 Uhr.
Dann setzte sich eindrucksvoll das grosse Feld der Einzelstarter in
Bewegung. 2400 Teilnehmer sind schon eine tolle Kulisse. Es ist in der Anfangsphase nicht
leicht sein Tempo zu finden, da die ersten Kilometer durch die Bieler Innenstadt von vielen
Zuschauern gesäumt sind, die uns Läufer mit starkem Beifall beeinflussen.
Im Stadtbereich hatten wir uns schon getrennt, damit jeder sein Tempo einhalten konnte.
Mein Tempo wollte ich schon in der von mir vorgenommenen Zeit einhalten,
damit ich die gesteckten Ziele auch erreiche. Bei Kilometer 10 ist dann
jedem Läufer klar: jetzt ist Bielzeit. Die ersten kräftigen Anstiege hat
man dann erreicht.
Das Tempo und die Euphorie werden deutlich eingeschränkt. Wir zweigen auf
unbeleuchtete Strassen ab. Es kommen erste Abschnitte ohne Asphalt.
Erstaunlich was man noch sieht, wenn der Weg praktisch im Dunkeln liegt.
Allerdings muss man sich schon sehr auf die Unterlage konzentrieren, aus kleinsten
Helligkeitsnuancen rechtzeitig auf Unebenheiten schliessen.
Bei Kilometer 18 läuft man über die legendäre Holzbrücke
nach Aarberg, wo die stimmungsvolle Atmosphäre auf dem Aarberger
Marktplatz kaum zu überbieten ist. Neu war die Streckenführung hinein nach
Lyss, das durch eine Fussgängerunterführung erreicht wurde. Lyss (das früher
südlich umlaufen wurde) bestand
seine Feuertaufe mit Bravour. Die Bevölkerung liess es sich nicht entgehen,
dem mitternächtlichen Spektakel beizuwohnen. Da jetzt Mitternacht vorbei
war und die meisten Läufer sich warmgelaufen haben, sind die Dunkelheit und
das kühle Wetter der ständige Begleiter für alle. In der Dunkelheit kann
man einzelne Läufer kaum noch erkennen. Der Lichtkegel von
Fahrradbekleidung oder Taschenlampen sind das Einzige was noch zu erkennen
ist. Nebelschwaden und Bodennebel, in der Dunkelheit lässt sich die Strecke
manchmal fast nur erahnen. Bei mir lief es erstaunlich gut.
Eine lästige Entzündung im
linken Fuss machte sich wieder bemerkbar. Mir blieb nichts anders übrig als
den Laufstiel umzustellen. Was ich eigentlich erst ab Kilometer 60 oder 70
vor hatte. Denn in diesem Bereich bin ich als Vorfussläufer restlos
muskulär am Ende. Ein Umstellen auf den Abrollschritt ist dann für mich
absolut unumgänglich. In der Vorbereitungsphase hatte ich schon mehrfach Schuhe und
Einlagen verschiedener Sorten ausprobiert um diesem Thema
eigentlich aus dem Weg zu gehen. Es sollte scheinbar nicht sein. Zum Glück
kann man in der Dunkelheit das Hoch und Runter nicht sehen. Die Strecke
ist dann einfach nur schwer. Die Kilometer werde jetzt langsam auch in den
Beinen spürbar.
Die neue Streckenführung lässt einen öfters als gewohnt
überlegen ob man überhaupt noch auf der richtigen Strecke ist. Nach
Kilometer 50 kann man den Kirchturm von Kirchberg sehen, das gibt einem
dann die Sicherheit jetzt ist man richtig. Denn nach Kirchberg und
eingangs des Emmedammes folgen die schweren Kilometer des
Ho-Chi-Minh-Pfades, der von den Regengüssen der letzten Tage mit
tiefhängenden Ästen noch eine neue Variante aufwies. Das "Markenzeichen"
ist mit Wurzeln und Steinen übersät, auch ein Überholen ist hier fast nicht
möglich. Die Läufer reihen sich wie auf einer Kette auf. Wenn man Glück
hat erwischt man einen flotten Anschluss, den man jetzt nicht verlieren
sollte. Die an der Spitze laufenden haben meistens eine Lampe mit dabei
und es werden für die gefährlichen Stellen dann laute Hinweise gerufen.
Stein- Stein- Stein- Stein, Ast- Ast- Ast- Ast. Es ist erfreulich wie hoch
hier die Kameradschaft jedes Einzelnen ist. In der Dunkelheit wäre man
ohne Licht hoffnungslos verloren.
Fast am Ende des Ho-Chi-Minh-Pfades war für
mich wie auch für die meisten Teilnehmer die "trockene Zeit"
vorbei. Es bedeutet für uns "Wasser marsch". Der Himmel hatte seine
Schleusen geöffnet. Dieses Spektakel wurde mit einer ganzen Schar von
Blitzen und Wetterleuchten angekündigt.
Nach dem Emmedamm führt die
Strecke auf den bekannten Wegen über den Bahndamm in Hinterkofen hinauf
nach Bibern, danach auf direktem Weg nach Arch. Gossliwil wurde neuerdings
ausgespart. Leider musste dadurch auch auf kürzerem Weg die letzte grosse
Anhöhe überwunden werden, steiler als zuvor. Zum Ausgleich ging es
nach Arch weniger steil hinunter als früher. Eine Zeitkontrolle alle 10
Kilometer zeigte mir, Yaeeeeh ich war gut drauf. Kilometer 80 hatte ich um
6:00 Uhr Morgens erreicht. Für mich war dies fantastisch.
Der Verpflegungspunkt, ab dem ich mit Moni zusammen laufen wollte, war gleich
erreicht. Dort angekommen fing ich erst einmal genau zu rechnen an. Zu
schnell, ich war zu schnell. Jetzt hoffte ich, dass Moni doch noch früher
hierher kommen würde. Mein Blick ging immer wieder von der Uhr zu beiden
Richtungen der Strasse. Aber es kam kein Auto. In der Zwischenzeit hatte
ich mir Kekse, Tee, Wasser, Brot und Bouillon einverleibt. Auch hatte ich
mich am Strassenrand hingesetzt. Mein Warten machte mich unruhig. Viele
andere Läufer sind an mir jetzt vorbeigelaufen. Etwas Sicherheit auf
meinen erreichten Rang hatte ich, weil ich aus der Vergangenheit wusste,
dass ich am Ende die Kilometer in einer stabilen Zeit laufen kann, und so
den Einen oder Anderen wieder einholen werde. 6:15 Uhr beschloss ist dann aber
weiter zu laufen und als Erkennungszeichen die Mütze an der
Verpflegungsstelle hinzuhängen. Beim Aufstehen muss ich wohl um 100 Jahre
gealtert sein. Es ging nicht mehr. Weder ganz aufstellen noch wieder
hinsetzen. In Minuten war ich zum "Krüppel" geworden. Die umherstehenden
Läufer mussten sich das Lachen verkneifen, manch einer drehte sich um, mir
aber war es überhaupt nicht zum Lachen. Mit aller Macht stellte ich mich
dann doch endlich auf und versuchte die ersten Schritte zu gehen. Nach ca.
100 Metern ging es schon etwas besser, und ich konnte in den schleifenden
Laufschritt übergehen. Die nächste Verpflegungsstelle war ca. bei
Kilometer 87 in Büren.
7:00 Uhr. Ich konnte es kaum fassen. Die Beine und
Füsse schmerzten, und sie liessen sich überhaupt nicht mehr richtig bewegen.
Beide Hände voll mit Bechern von Bouillon und Iso-Getränken ging ich
Richtung Ziel. Irgendwie musste ich es doch noch schaffen. Für mein
Vorhaben Durchkommen und noch eine persönliche Bestzeit vielleicht zu erreichen, hatte ich
noch 2½ Stunden für ca. 13 Kilometer Zeit. Kurz nach dem Verpflegungsstand
Büren wurde der Fluss Aare überquert. Mitten auf der Brücke
traute ich meinen Augen nicht. Moni kam lächelnd mir im lockeren
Joggingschritt entgegen. War jetzt die Rettung da? Nach kurzen Erklärungen
im Gehschritt Richtung Biel, war meine Situation zwar nicht besser, aber
Moni munterte mich auf. Die immer wieder versuchten Laufansätze endeten
nach ein paar Metern. Die Beine waren fest. Es war zum K.......
Noch am Altarm der Aare kam km 90. Danach führte der Weg unweit von Pieterlen
hinauf in den Wald. Parallel entlang der Bahntrasse auf dem Waldweg, der
durch den nächtlichen Regenguss mit "Matsch satt" auch nicht leichter
wurde, sind unsere Laufversuche allmählich belohnt worden. Nach Kilometer
95 waren meine Beine wieder bereit Laufbewegungen zuzulassen. Aber die
Zeit hatte sich merklich meinem Ziel genähert. Die letzten 3 Kilometer
konnte ich dann wieder im 6,xx Schritt mit Moni zusammen bis in das
ersehnte ZIEL durchhalten.
Ziel
Um 9:47 Uhr ist das Ziel erreicht.
11:47.03 Std. meine Endzeit,
Gesamtrang 557, M50 Rang 77.
Durchgekommen und persönliche Bestzeit, was wollte ich mehr!
Wir, Moni und ich, gingen dann zum Getränkestand um uns zu erfrischen.
Auch wollten wir auf Walter und Hans-Jürgen warten.
In der Zwischenzeit war Maria am Zielbereich eingetroffen. Sie hatte für
den Halbmarathon gemeldet. Und der Start sollte bald erfolgen. Als Walter
ins Ziel kam, klagte er doch über Leistenbeschwerden, die ihn schon sehr
früh auf der Strecke erfassten. Aber Durchkommen war das Ziel. Bei Hans-Jürgen
wurde der Zeitrahmen, welcher er sich vorgegeben hatte, überschritten und er liess
es deshalb diesmal bei 56.1 km bewenden. Wir haben uns dann nach all den
Strapazen von Moni ins Hotel bringen lassen.

Siegertrunk
OLC-Resultate:
19. Teilnahme, Walter Helmes, 15:22:53 Std., Platz 1073 (64./M60) Obertshausen
5. Teilnahme, Wolfgang Sacher, 11:47:03 Std., Platz 559 (78/M50) Mühlheim
2. Teilnahme, Hans-Jürgen Renschler, bis 2. Teilstrecke 10:05:02 (TS2 Platz 27/M45) Basel
Wolfgang Sacher
⇒ Original-Bericht