Zu Fuss? Am Stück? Ohne Pause? ... Ja?! ... Du bist bekloppt!
Die 100km von Biel 2010 oder auch die Nacht der Nächte
Laufbericht von Silvan Basten
"F..K!" hallt es durch die rabenschwarze Nacht auf dem Ho-Chi-Minh Pfad. Ich liege am Boden und
erwarte jede Sekunde eine Schreckensmeldung meines Körpers an mein Hirn. Bein gebrochen -
Muskelriss - Knie verdreht? Check abgeschlossen - scheint nochmal gut gegangen zu sein. Ich
stehe wieder auf und laufe weiter - so wie ich es schon seit 6 Stunden mache und für mindestens
4 weitere Stunden vorhabe.
Wie kommt jemand auf die Idee mitten in der Nacht 100 km zu Fuss zu laufen? Nun ja - alleine bin
ich schon mal nicht. 1746 sind mit mir zu diesem Abenteuer gestartet. Allerdings sind das alles
keine normalen Menschen. Man merkt schon, dass sich hier eine ganz spezielle Spezies Mensch
zusammen gefunden hat. Nicht bezüglich des Alters oder dem Äusserlichen. Von 20 bis 81(!) und
von dürr bis vollschlank ist hier alles vertreten. Es ist mehr die nicht übliche Bereitschaft bis an
seine psychischen und physischen Grenzen zu gehen um... ja um was? Weshalb? Diese Frage
kann man meiner Ansicht nach niemandem umfassend beantworten, der selbst noch nicht diese
Erfahrung gemacht hat. Vielleicht kann mein Laufbericht eine Ahnung davon vermitteln.
Ich schreibe diesen Bericht hauptsächlich für mich selbst, um mir dieses Erlebnis für immer zu
erhalten. Natürlich freut es mich aber auch, wenn ich dem Ein oder Anderen etwas Kurzweile
bieten oder sogar zum Nachahmen animieren kann.
Die Motivation
Bei mir kam der Gedanke ernsthaft einen 100 km Lauf angehen zu wollen, bereits nach meinem
ersten Marathon in Köln. Der Weg zu diesem ersten Meilenstein war schon etwas Besonderes -
eine Leistung von der ich nie geglaubt hätte sie aufbringen zu können. Ausgehend von 120 kg
Körpergewicht und einem Blutdruck von 180/120 bin ich nach 18 Monaten und 38 verlorenen
Kilogramm zu einem Marathondebüt in 3:46 h gekommen. Das war ein harter Weg auf dem sich
das Laufen vom reinen Mittel zum Zweck zu etwas Anderem wandelte. Durch eigene Leistung und
Beharrlichkeit sich ständig zu steigern, mit seinem Körper und Geist an die Grenzen zu gehen und
dabei zum Wesentlichen zu finden - bis hin zu dem Gefühl Eins zu werden mit der Natur.
Nun war meine Grenze anscheinend mit einem Marathon noch nicht erreicht. Ich wollte mehr und
habe mich informiert, was es da so alles über den Marathon hinaus gibt. Wenn man das tut, stösst
man unweigerlich irgendwann auf den Satz "Irgendwann musst Du nach Biel". Das war der Titel
eines Buchs des Biel-Veteranen Werner Sonntag, wurde aber über die Jahre zum gefügeltem Wort
in der Szene.
Der Lauf an sich
Die 100 km von Biel sind ein Ultramarathon, der in 2010 zum 52sten Mal durchgeführt wird und
somit zu den ältesten Laufveranstaltungen überhaupt zählt. Es wird eine einzige grosse Runde
durch das Berner Land gelaufen. Start und Ziel sind an der Eissporthalle in Biel.
Wer mehr über den Lauf erfahren oder auch die Laufberichte anderer Läufer lesen möchte sei an
folgende Websites verwiesen:
www.100km.ch - die offizielle Website des Veranstalters mit Ranglisten
www.99km.ch - die offizielle inoffizielle Website mit allen Informationen rund um den Lauf
Mein Weg nach Biel
Das Training
Der Plan die 100 km anzugehen war schnell gefasst, aber ich war mir überhaupt nicht sicher, ob
ich es schaffen würde. Deshalb habe ich mir als nächstes Ziel die 50 km Distanz vorgenommen.
Da gibt es ganz in meiner Nähe einen anderen Kult-Ultramarathon: die 50 km in Rodgau-Dudenhofen
im Januar. Eine perfekte Gelegenheit die Distanz zu erproben und zugleich kein
Winterspeck anzusetzen. Trotz Erkältung und extremer Wetterbedingungen (es war von der "Hölle
von Rodgau" zu lesen...) habe ich den Lauf in 4:46 gefinished und wollte es danach erst recht
wissen.
Zwei Monate später absolvierte ich dann den zweiten Lauf des 50 km DUV-Cups in Eschollbrücken
in 4:26.
Jetzt war ich mir sicher mehr leisten zu wollen und zu können. Ich habe mich in Biel angemeldet.
Bei der Anmeldung hat man die Möglichkeit für ein paar Franken eine Rücktrittsversicherung
abzuschliessen - ich habe diese Möglichkeit nicht genutzt und das nicht aus Geiz. Jetzt gab es kein
Zurück mehr - der Weg hatte nur noch ein Ziel: Biel zu finishen.
Nachdem ich alle meine bisherigen Trainingspläne aus dem "grossen Laufbuch" von Herbert Steffny
hatte und diese für mich perfekt funktioniert hatten, habe ich mich für Biel dennoch für eine andere
Quelle entschieden. Zur Auswahl standen Steffny, der 11h-Plan von laufreport.de und der
Trainingsplan von Wolfgang Olbrich von der Website des DUV (Deutscher Ultramarathon
Verband). Ich habe mich für letzteren entschieden, da er mir sowohl ambitioniert wie auch
realistisch erschien. Mit 5 bis 6 Trainingstagen und maximal 139 km in der Woche für eine Zielzeit
von 10 Stunden konnte ich mich anfreunden.
Wie immer habe ich mich exakt an den Plan gehalten. Zumindest was das Laufen angeht. Meinen
Diätplan für ein optimales Wettkampfgewicht konnte ich weniger gut einhalten. Wer mehr läuft hat
nun mal auch mehr Hunger. Zumindest habe ich nicht zugenommen.
Das Training für einen 100 km Lauf unterscheidet sich von dem für einen Marathon eigentlich nur
in der reduzierten Intensität (langsamere, längere Intervalleinheiten / Tempoläufe) und gesteigerten
Umfängen (lange Läufe von 45 - 60 km). Hervorzuheben sind aus dieser Zeit drei der langen
Läufe:
Mannheim Marathon:
Es liegt nahe den im Trainingsplan vorgesehenen 45 km langen Trainingslauf mit einem Marathon
zu verbinden. Es war etwas ganz anderes einen Marathon ohne Leistungsdruck in einem
angenehmen 4 Stunden Zielzeit Tempo zu laufen. Man hat Zeit sich das Drumherum anzuschauen,
die Atmosphäre zu geniessen und sich mit den anderen Läufern zu unterhalten. Da hinten geht es
um einiges lustiger und entspannter zu. So habe ich mich blendend mit dem 4 Stunden Pacemaker
unterhalten - seines Zeichens Biel-Finisher und Ironman-Aspirant.
Er brachte mich auch auf die Idee Biel als Anlass zu nehmen, Spenden zu sammeln. Nach dem
Abklappern aller Verwandten, Freunde, Bekannten und Kollegen bin ich auf 17,85 € pro Kilometer
gekommen, die ich in Biel schaffen werde. Das sind 1785 € für "Ärzte ohne Grenzen".
50km nachts:
Eine Art Generalprobe für Biel, die ich zusammen mit meiner Frau Katja absolviert habe. Katja will
mich auch in Biel auf dem Fahrrad - oder besser Velo - begleiten. Wie später in Biel sind wir um
22 Uhr gestartet und 5 Stunden durch die südhessische Nacht gefahren. Ich wurde vom Velo aus
mit Getränken, Gels, Riegeln und Brot versorgt. Es ging alles gut, allerdings hat sich ein
theoretisches Problem von nächtlichen, extremen Ausdauerleistungen bewahrheitet: Der Körper ist
es nicht gewohnt nachts grössere Mengen von Kohlenhydraten aus der Nahrung zu gewinnen und
den Muskeln zur Verfügung zu stellen. Das nötige Blut dafür wird zudem gerade in den Beinen
gebraucht, die es auch nicht gewohnt sind nachts zu Laufen. Die Folge davon sind Übelkeit,
Magenkrämpfe und die Unfähigkeit die notwendige Menge an Nahrung zu sich zu nehmen. Man
läuft weiter ohne zu Essen und hofft auf Linderung. Wenn diese dann eintrifft, kommt natürlich
prombt die Quittung für die Nachschubeinstellung: ein Leistungseinbruch. Den kann man aber
auch "weglaufen". Dazu später mehr in Biel.
60 km:
Es gibt eine Sache die der ambitionierte Freizeitläufer mehr fürchtet als den Tod - die Verletzung.
Auch ich blieb in der Vorbereitung nicht verschont. Wiederholten Problemen mit dem Hüftgelenk,
die ich aber erfolgreich durch Trainingsreduktion und Voltaren/Wärme-Behandlung in den Griff
bekommen hatte, folgte eine Muskelzerrung in der rechten Wade. Diese war recht schmerzhaft.
Trotzdem habe ich das Training nur reduziert - eine Einstellung ca. 3 Wochen vor dem Lauf war
mir zu riskant.
Ich hatte noch den längsten langen Lauf vor mir: 60 km durch den hügeligen Odenwald. Ohne
diesen wäre ich mir für Biel nicht sicher genug gewesen. So habe ich alles auf eine Karte gesetzt
und bin davor eben weniger gelaufen. Es ist gut gegangen. Die Wade schmerzte zwar immer
noch, hat aber die 60 km gehalten. Selbstmassage und Kälte-/Wärmebehandlung haben gewirkt.
Als Ultramarathonläufer lernt man seinen Körper ganz gut kennen und weiss ziemlich genau was
man ihm zutrauen kann und was nicht.
Am Ende der Vorbereitung war ich mir sicher gut für Biel gewappnet zu sein. Auf den Punkt genau
war ich schmerz- und verletzungsfrei und hochmotiviert.
Die Organisation
Als ich darüber nachdachte in Biel zu laufen, bin ich eigentlich davon ausgegangen dies allein zu
tun. Die Möglichkeit einer Fahrradbegleitung war mir zwar bekannt, ich dachte aber nicht, dass ich
zwingend jemand brauchte und wollte das auch niemandem zumuten. 100 km nachts mit dem
Fahrrad langsam durch die Gegend zu fahren klingt nicht nach Spass.
Da habe ich aber meine Frau unterschätzt! Genauso fasziniert von diesem Abenteuer Biel wie ich,
hat sie sofort angeboten mich zu begleiten. Ich war - zugegeben - erst skeptisch, da die
Belastung doch enorm ist und ich mit mir selbst genug zu kämpfen haben werde. Wie gesagt - ich
habe Katja unterschätzt - wie sich auch später bewahrheiten sollte.
Nach der Lektüre von bestimmt 30 Laufberichten und Internetforen zu dem Thema Biel,
kristalisierte sich bei mir langsam ein Bild von den notwendigen Dingen, die es vorzubereiten beziehungsweise
mitzunehmen gilt. Prinzipiell ist der sehr gut organisierte Lauf ohne Velobegleitung machbar,
allerdings kann diese zwei grossen Unbekannten den Schrecken nehmen: der Verträglichkeit der
angebotenen Verpflegung und dem Wetter. In den Packtaschen unseres Drahtesels befanden sich
unzählige Powerbar Gels und Riegel sowie Wechselklamotten und -schuhe sowie eine
Regenjacke. Das gibt Sicherheit für den ersten Versuch. Ganz zu schweigen von der enorm
positiven psychischen Komponente.
Der grosse Tag
Dann war es soweit. Mit gepacktem Vectra Caravan gen Süden. Ich liebe unser Mutterschiff! Mit
umgeklappter Rücksitzbank entsteht eine völlig ebene Liegefläche auf der es sich herrlich auch zu
zweit schlafen lässt. So spart man das Zelt und ist bestens gegen Regen geschützt. Das war
eventuell notwendig. Der Wetterbericht hatte sich in den letzten Tagen immer mehr auf ergiebige
Regenschauer und Gewitter in der Nacht eingeschossen.
Angekommen in Biel hatten wir gehofft noch einen Platz auf der Wiese neben der Curlinghalle zu
ergattern. Aber um 14 Uhr war da nichts mehr zu machen. Wir fanden dann aber etwa 200 Meter
von der Halle entfernt einen Parkplatz und da wir kein Zelt brauchten, ging das in Ordnung.
In dem nahen COOP konnte man sich noch mit Getränken und Essen eindecken - tolle Sache.
Wir erkundeten das Gelände, spürten das erste Kribbeln etwas Besonderem beiwohnen zu dürfen.
Die Atmosphäre war zwar sehr entspannt - dösende Läufer auf der Wiese, schlendernde Läufer in
der Halle - aber es war spürbar, das etwas Grosses erwartet wurde.
Dann traff ich in der Curlinghalle ein bekanntes Gesicht: ein Mitstreiter des 50 km Laufs in
Eschollbrücken. Nach wenigen Worten war klar, dass er aus dem Odenwald kommt. Er tritt dieses
Jahr bereits zum fünften Mal in Biel an und hat mich etwas beruhigt. Danke dafür! Meine
Nervosität stieg nämlich langsam an.
Die Schlange an der Startnummernausgabe war zwar lang, es ging aber trotzdem recht schnell
und ich genoss jede Minute in der Eishalle. Diese Atmosphäre war besonders. Klar - in Köln war es
lauter und witziger. Aber hier waren nur genauso Verrückte wie ich unterwegs. Hier fragt keiner
"Warum machst Du das eigentlich?" oder richtig schlimm: "Gesund ist das aber nicht, oder?" (Zum
Mond fliegen ist auch nicht gesund!!!).
Hier stehen Frauen und Männer in der Schlange, die den lebendigen Beweis darstellen, dass
Ultramarathonlaufen nicht zwangsläufig zu Invalidität und frühem Herztod führen muss. Wie gesagt
- der älteste Finisher(!) ist 81 Jahre alt!
Man versteht sich und nickt sich schon vor dem Rennen anerkennend zu. Auch ich als Neuling
werde zwar erkannt, aber akzeptiert. Viele tragen die Finishershirts der vergangenen Jahre. Gerne
auch Finishershirts vom Swiss Alpin Lauf - K78 natürlich.
Dann ging ich ein grosses Risiko ein. Ich habe mir auf der winzigen "Marathonmesse" ein neues
Paar Socken gekauft, da ich wirklich von der Verarbeitung und dem Sitz überzeugt war. Ein Paar
der Schweizer Marke Rohner. Ich habe es dann tatsächlich gewagt diese Socken beim Lauf zu
tragen! Wie es ausging kommt später.
Vor dem obligatorischen Teller Spaghetti im Festzelt habe ich mich bereits mit Studentenfutter und
Rieglen voll gestopft. Ich ahnte schon, dass die Nudeln zuviel werden würden, aber wer will schon
nachts mitten in der Schweiz verhungern? Also rein damit. Danach hatte ich die richtige
Bettschwere und hoffte mein Magen würde das schon in den Griff kriegen.
Nach einem kurzen Nickerchen im Mutterschiff machten wir uns daran das Fahrrad fertig zu
machen. Die Velos dürfen die ersten 22 km nicht mitfahren, da hier das Läuferfeld noch zu dicht
ist. Sie werden von der Polizei auf einer anderen Route nach Lyss eskortiert, wo sie auf die Läufer
warten. Ich verabschiedete mich also um etwa 21:30 Uhr von Katja und machte mich auf den Weg
zum Startbereich. Das Wetter war stabil geblieben: bedeckt, windig, aber trocken. Es sah aber auch
irgendwie so aus, als könnte es jederzeit ein Gewitter geben. Ich habe mich dennoch nur für ein
kurzes Shirt entschieden, hatte aber meine Kappe auf, die bei Regen das Gesicht regenfrei hält.
Der Start
Die Atmosphäre am Start war unbeschreiblich. Es war bereits dunkel und die Laternen tauchten
alles in ein orangenes Licht. Es roch nach Franzbranntwein und Nervosität. Es wurde nicht viel
geredet. Mir schien es als wollte jeder diesen heiligen Moment aufnehmen und festhalten. Jetzt gilt
es - körperlich kann man nichts mehr machen - aber psychisch. Konzentration auf das was
kommen wird. Für mich noch unvorstellbar 100 km durch die Nacht zu laufen. Was kommt auf
mich zu? Freude und Angst zugleich.
Dann ist es soweit. Dieses Jahr auf französisch: cinq - quatre - trois - deux - un - BOOOOM!
Darauf war ich nicht vorbereitet. Eine Startpistole kann zuweilen recht laut sein, aber meist stehe
ich nicht soweit vorne. Die Schweizer nehmen aber keine Pistole, sondern eine Kanone! Mit einem
kapitalem Hörsturz mache ich mich auf den ersten von 100 Kilometern. Vorbei an Footballspielern,
die uns vor den Verkehrsinseln schützen sollen und gut Stimmung machen.
Jetzt bin ich wirklich dabei - auf den legendären 100 km von Biel in der Nacht der Nächte.
Unglaublich! Ich bekomme Gänsehaut und empfinde unbegrenzte Dankbarkeit und grossen Stolz
hier dabei sein zu dürfen.
Die ersten Kilometer in Biel
Eine Szenerie, die an Mannheim am Ende erinnert. Eine Stadt in der Nacht mit Musik und vielen
Zuschauern. Der Unterschied sind die "hop, hop"-Rufe und die spürbare Bewunderung - oder
besser nur Wunderung - über diese Verrückten. Es hat ein wenig was von einer Freakshow. Aber
die Stimmung ist fantastisch.
Die Dunkelheit
Dann auf einen Schlag wird es dunkel. Der Schimmer der Stadt erhellt noch ein wenig den Weg.
Vom Himmel her ist nicht viel zu erwarten - Neumond und Wolken. Vereinzelt schalten die Ersten
ihre Stirnlampe an. Darüber beschweren sich einige Mitläufer. Mir geht es ähnlich, wobei ich viel zu
positiv motiviert bin, um mich über irgend etwas wirklich aufregen zu können. Ich möchte die
Dunkelheit geniessen - verbunden mit dem Zwitschern der Vögel und dem mittlerweile sanften
Wind, der die Gerüche der Nacht mit sich trägt. Dazu das ewige "tapp - tapp - tapp" der Läufer. So
kann es ewig weiter gehen.
Die erste Steigung ist zu bewältigen. In der Gruppe, in der ich mich befinde, fängt keiner an zu
gehen. Laufend wird der Anstieg genommen, aber nicht hektisch. Generell befinde ich mich mit
meinem angestrebten 5:50 Minuten/km Schnitt eher im vorderen Feld.
Meine Taktik war es diesen im Training dominierenden Schnitt so lange beizubehalten wie möglich
und an Steigungen nur soweit runter zu gehen, wie ich meinen Puls unter Kontrolle halten konnte.
Aarberg
Dann waren wir kurz vor Aarberg. Aus vielen Laufberichten war mir dieser markante Punkt bekannt
und ich hielt das Fotohandy bereit um zu filmen. Die wunderschöne überdachte Holzbrücke
empfing uns mit einem blauen Teppich und begeisterten Zuschauern. Dann öffnet sich die Brücke
hin zum Marktplatz auf dem einiges los war. Ich spürte wie die Endorphine flossen und nicht nur
die. Wie schon beim Start und noch einige Male später ergriff mich dieses Gefühl von Stolz und
Dankbarkeit und meine Augen blieben nicht trocken. Dafür hatte ich solange gearbeitet.
Lyss
Wieder raus aus Aarberg ging es über Felder in Richtung Lyss, wo ich schon sehnlichst Katja
erwartet habe. Nicht, dass ich etwas aus den Taschen gebraucht hätte. Ich wollte einfach mit ihr
gemeinsam das Alles erleben und war schon jetzt sehr froh, dass sie mich begleitet hat.
Dann war es soweit. Die Velos standen beidseitig an der Strasse und musterten aufmerksam jeden
Läufer. Wir hatten ausgemacht, dass Katja in Laufrichtung links stehen würde und hatten uns
farbige Leuchstäbe angehängt um uns erkennen zu können. Aber zum Einen hatte ich meinen
Stab bereits kurz nach dem Start verloren und zum Anderen war es durch die Laternen in Lyss hell
genug, um sich erkennen zu können. So haben wir uns auch gleich gefunden.
Aber dann... . Hier der erste ausdrückliche Tipp für Alle, die auch vorhaben Biel mit Velobegleitung
anzugehen: Trefft Euch
nach dem folgenden Anstieg! Direkt in Lyss beginnt ein mörderischer,
langer Anstieg, der auch einen geübten Radfahrer mit vollen Packtaschen schnell an die Grenzen
bringt! Ergebnis war, dass Katja und ich uns erst nach etwa 10 Minuten wieder getroffen hatten.
Ein Läufer ist nun mal schneller, wenn es richtig steil wird.
Aber dann ging es gemeinsam weiter und wir berichteten uns gegenseitig von dem bislang
Erlebten. Katja hatte eine andere Velobegleiterin aus Zürich kennengelernt, die wir aber leider
nicht mehr getroffen haben. Und einem anderen Velofahrer ist in Lyss die Kette gerissen!
Unvorstellbar ... hoffentlich passiert an Katja's Fahrrad nichts.
Die folgenden 23 Kilometer liefen wunderbar. Ich hielt meinen 5:50 Schnitt trotz einiger Anstiege
bei, was vielleicht etwas zu schnell war.
Eine Bieler Besonderheit sind die Menschen in den kleinen Ortschaften und Höfen die auch jetzt
noch und noch viel später draussen sitzen und jeden Läufer anfeuern. Oft mit einem kleinen Feuer
und dabei auch Musik. Das tut wirklich gut.
Die Velos haben mich wenig gestört. Fast Alle haben sich sehr rücksichtsvoll und vorsichtig
verhalten und ich war dankbar für die gute Ausleuchtung der Strecke, trotz der guten Stirnlampe.
Die Velobegleitung ist viel diskutiert. Sie ist meines Wissens einmalig in Biel und macht
vielleicht auch ein wenig das Besondere aus. Doch mehr als momentan sollten es nicht sein - ich
schätze mal 40% der 100km-Läufer hatte einen Velobgleiter.
Zu den 100km-Läufern kamen jetzt auch die später startenden Marathon- und Stafettenläufer
hinzu. Dies brachte ein weinig Unruhe in das Feld. Sehr gut sind die neben der Startnummer von
diesen Läufern zu tragenden Rückenschilder mit der Beschriftung "Marathon" oder "Stafette". Dies
lässt uns 100km-Läufern die Gewissheit, keine Plätze zu verlieren oder viel zu langsam unterwegs
zu sein, wenn sie an uns vorbei fliegen.
Dann kam die Rechnung für die etwas flott angegangenen Steigungen. Ab der Marathondistanz
hat der Läufer mit der Umstellung des Körpers auf reine Fettverbrennung zu kämpfen, sobald die
Glykogenspeicher erschöpft sind. Dieser Moment wird auch oft als "der Mann mit dem Hammer"
oder "die unsichtbare Wand" bezeichnet. Auf einmal kann man mit der gleichen Anstrengung nur
noch deutlich langsamer laufen.
Durch mein bisheriges Training konnte ich diese Schwelle von etwa 30km auf 45km steigern, aber
das reicht natürlich nicht in Biel. Zudem wirkt sich diese Umstellung auch nur extrem aus, wenn
man zuvor zu flott war und/oder zu wenig Verpflegung zu sich genommen hat oder auch sich
gerade in der üblichen Zeit der Tiefschlafphase befindet. Wie auch immer - bei 45 km war es so
weit. Es ging mühsamer voran, aber es ging.
Bis Kirchberg bei km 56 zog sich diese Phase hin. Da war mir klar, dass die von mir insgeheim
angestrebte Traumzielzeit von unter 10 Stunden nicht zu schaffen war.
Nach kurzer Trauer darüber war mir schnell klar, dass dies auch beim ersten Mal etwas viel
verlangt wäre. Zudem waren die Steigungen doch um einiges anstrengender, als es das
Höhenprofil zuvor vermuten liess.
Kirchberg
In Kirchberg war grosser Bahnhof. Neben dem unspektakulärsten Marathonziel der Welt gibt es
hier eine grosse Verpflegungs- und Sanitätsstation. Wie bei allen Stationen zuvor hielt ich mich
auch hier nur kurz auf, wechselte aber das Shirt und klopfte mir mit den flachen Händen auf die
Beine, um mich aufzuraffen und zu motivieren. Das haben einige der umstehenden Zuschauer
gesehen und mich spontan laut angefeuert. Das gab mir einen richtigen Kick! Auf einmal lief es
wieder.
Hoch motiviert und fit wie beim Start machte ich mich auf den Weg zum Ho-Chi-Minh Pfad. Wie
gesagt - auch wenn man es sich im Moment des Tiefs nicht vorstellen kann. Wenn man weiter
läuft, geht es irgendwann wieder besser. Auf einmal ist die Energie zurück und man kann so
schnell laufen wie vorher.
Der Ho-Chi-Minh Pfad ist eigentlich der Emmendamm - ein Stück der Strecke auf dem die Velos
die Läufer nicht begleiten dürfen, da es die Wegverhältnisse einfach nicht zulassen. Auf dem
grössten Teil geht es einen schmalen Pfad entlang durch den Wald, auf dem Steine und Wurzeln,
teilwiese wie absichtlich durch Gras getarnt, den Läufer zu Fall bringen wollen. Insbesondere
diejenigen, welche so flott sind und hier noch in der Dunkelheit laufen müssen.
"F..K!" - trotz Stirnlampe hat es mich erwischt. Ziemlich genau am Anfang sogar. Ich liege der Nase
nach da, nachdem ich mich trotz der Müdigkeit und Erschöpfung einigermassen elegant abrollen
konnte. Lediglich das Handgelenk hatte ich mir ein wenig gestaucht.
Weiter geht es. Und zwar unglaublich gut sogar. Im 5:40er Schnitt über den Pfad. Ich liebe solche
engen Pfade - da macht das schnelle Laufen erst richtig Spass.
Diese hohe Pace konnte ich dann auch noch einige Kilometer nach dem Emmendamm und der
Wiedervereinigung mit Katja halten. Aber etwa bei Kilometer 70 kam der nächste Einbruch. Nun
mag jemand sagen "wärst Du halt nicht so schnell gelaufen..." . Ich bin mir da nicht so sicher. Bei
der Strecke und den Steigungen ist es mit den normalen Zusammenhängen nicht mehr so einfach.
Ich habe eben gegeben, was in dem Moment ging. Aber wie gesagt - sicher bin ich mir nicht, ob
das richtig war.
Dieser Einbruch war auch weitaus härter als der erste. Hinzu kommt, dass es ab hier auch stetig
bergauf ging, was ich aber erst später am Streckenprofil gesehen habe. Ich konnte mir mal wieder
nicht vorstellen, dass es nochmal besser gehen sollte, war mir aber in diesem Moment schon
sicher, dass ich finishen werde und sei es auch in 16 Stunden! Auch die Ernährung hat nicht mehr
funktioniert. Schon seit einigen Kilometern hatte ich nichts ausser Bananen runter gekriegt. Mir war
richtig schlecht - wie bei meinem Trainingslauf nachts. Mein Magen und mein Darm verweigerten
den Dienst.
Auf dem ganzen Lauf habe ich gerade mal 2 Gels gegessen, sonst nur Bananen und als Getränke
immer Wasser und entweder Cola oder Iso. Die Bouillon habe ich auch nicht gut vertragen.
Dann kam Bibern. Ich muss schrecklich ausgesehen haben. Der nette Helfer am
Verpflegungsstand sah mich an und zeigte hinter mich: "Silvan, da kannst Du Dich massieren
lassen!" Natürlich kannte er mich nicht, aber die Vornamen sind ja auf den Startnummern
abgedruckt. Trotzdem irritiert es Einen schon ewtas. Ich konnte nicht widersprechen und setzte
mich auf eine Bank, um von einem Masseur die Beine durchgeknetet zu bekommen. Katja sah
mich nur da Sitzen und dachte schon, ich würde mir ein WM-Spiel im Fernsehen anschauen
wollen.
Dann stand ich auf und fühlte mich wirklich deutlich besser. Bis ich nach vorne schaute. Direkt
nach Bibern ging die Strasse steil bergauf. So steil, dass sogar die frischen Stafettenläufer in einen
schnellen Gehschritt verfielen.
Oben an der Höhe angekommen hat Katja auf mich eingeredet. "Lauf wieder!" - "Du kannst das
auch schneller!" - "Um so schneller Du läufst, desto schneller ist es vorbei!"
Immer nur schneller, schneller, schneller ...
Dann habe ich es einfach getan - schneller laufen. Aus reinem Trotz bin ich schneller gelaufen.
Und es ging! Das hat mich selbst überrascht und ich bekam ein richtiges Runner's High. Die
anderen Läufer flogen an mir vorbei und ich war so schnell wie nie im Rennen zuvor - okay es
ging auch etwas mehr bergab. Ich hatte ständig Tränen in den Augen. Jetzt wurde mir bewusst,
dass ich es schaffen werde! Biel zu finishen in unter 11 Stunden!
Nichts konnte mich mehr aufhalten - das Tempo halte ich - es sind nur noch 20 Kilometer. Ein
lächerlicher Halbmarathon! Sowas machst Du an einem normalen Wochentag nach 10 Stunden
Büro!
Aber eben nicht, wenn man schon über 80 Kilometer in den Beinen hat, Herr Basten...
Bei Kilometer 88 wurde es dann kontinuierlich langsamer. Ab Kilometer 94 wurde es zur Qual. Ich
verfiel immer wieder ins Gehen. Der Sieg war mir anscheinend zu gewiss. Ich wusste, dass ich
unter 11 Stunden finishen würde und mein innerer Schweinehund hat es überhaupt nicht einsehen
wollen, jetzt noch Schmerzen zuzulassen, nur um ein paar Minuten raus zu holen. Natürlich
überholten mich einige Läufer, aber das war mir jetzt egal.
Dann kamen die Schilder der letzten Kilometer und wir machten das Foto an dem legendären
99km Schild.
Ab hier lief ich alleine weiter, da die Velos im Zielkanal sowieso getrennt werden.
Nach 10 Stunden und 45 Minuten bin ich schliesslich überglücklich im Ziel angekommen.
Ein wenig erschöpft war ich ja schon. Ehrlich gesagt war ich kurz vorm Umkippen. Ich habe meine
Grenze erreicht - für heute.
Biel war und ist das grösste Abenteuer in meinem Leben und ich kann es immer noch nicht richtig
fassen, dass ich es geschafft habe.
Vielleicht ist es jetzt etwas klarer, was Verrückte wie mich dazu treibt diese Dinge zu tun - vielleicht
auch nicht. Ich weiss nur eins - das war nicht das letzte Mal Biel für mich. Vielleicht werde ich auch
einmal mit 81 Jahren hier finishen? Das wäre dann Biel 2057. Schaun mer mal.
Zur Ausrüstung:
Das Sockenwunder von Biel wurde wahr! Brandneue, nie getragene, unbekannte Socken von
Rohner mit ein wenig Vaseline zwischen den Zehen haben mich völlig blasenfrei 100 km
überstehen lassen! Unglaublich!
Auch der Rest der Ausrüstung hat ohne Tadel funktioniert. Insbesondere von meinen Brooks
Ravenna bin ich zutiefst überzeugt. Die gute alte Garmin Forerunner hat die 10:45 h ebenso
gehalten und mich immer gut "auf dem Laufenden gehalten".
Mein Ergebnis:
Gesamtwertung Männer: Rang 231 von 1059
Altersklasse M30: Rang 21 von 59