Die 100km von Biel 2011
... oder auch "die Nacht der Pannen"
Laufbericht von Silvan Basten
Wenn etwas schief gehen kann, dann wird es auch schief gehen. Und manchmal gehen sogar mehrere Sachen gleichzeitig
schief. In dieser Nacht der Nächte ging sehr viel schief - bei mir selbst und bei der Organisation des Laufs
selbst. Und an vielem war das Wetter schuld... Aber nun von Anfang an.
Ziele und Vorbereitung
Nach meinem erfolgreichen Finish von letztem Jahr (siehe meinen Laufbericht von 2010 auf
www.99km.ch),
wollte ich dieses Jahr mehr. Die vergangenen 12 Monate hatte ich erfolgreich weiter geführt. Ich konnte meine
Bestzeiten im Marathon (3:17) und auf 50km (3:57) deutlich verbessern und habe auch im Rahmen der Vorbereitung
auf Biel den Rennsteig unter 8 Stunden gefinisht.
Meine Ambitionen sind hoch - ich spiele mit dem Gedanken - nein - ich habe mir in den Kopf gesetzt! - nächstes
Jahr den Spartathlon zu laufen. So - nun ist es raus - hoch offiziell.
Deshalb hatte ich für Biel 2011 folgende Ziele:
Minimalst: Finish
Minimal: sub 10:30 (Spartathlon Qualifikationszeit)
Normal: sub 10:00
Optimal: 9:30
Meine Trainingsläufe auf Basis des Plans von Wolfgang Olbrich
(
www.wolfgang-olbrich.de)
liefen optimal und ich war sehr optimistisch locker in sub 10 laufen zu können.
Der Tag vor der Nacht der Nächte
Entgegen letztem Jahr, in dem mich meine Frau Katja auf dem Fahrrad begleitete, musste ich diesmal alleine
auskommen. Wir sind eine recht sportliche Familie und mein Sohn hatte einen parallelen Wettkampf. So fuhr
nach einem halben Arbeitstag direkt von Rüsselsheim nach Biel.
Ich kam gut durch und von dem angekündigten Regen war nichts zu sehen - bis ich gegen 18 Uhr auf dem Parkplatz
stand. Da fing es das erste Mal an zunächst leicht, später sehr stark zu regnen. Ich erledigte schnell das
nötigste auf dem neuen Veranstaltungsgelände und mich traf der Schlag - nach den Versprechungen des OK auf
deren Website, dass dieses Jahr alles neu und besser wird, war ich schwer enttäuscht. Die Infrastruktur war
deutlich schlechter und das Wetter machte aus dem Festplatz eine Schlammpfütze.
Zurück im Auto legte ich mich nochmal hin und wachte mit starken Kopfschmerzen wieder auf. Dann machte
ich mich fertig und lief Richtung Start, der dieses Jahr erstmals mitten in der Stadt ist. Der Weg ist
leicht zu finden und es überraschte mich immer wieder von anderen Läufern angesprochen zu werden, wo denn
das Expo-Gelände sei - noch mehr ausschildern ginge schon gar nicht mehr. Aber zum Thema Orientierung und
Organisationsfehlern in diesem Jahr wurde ja schon einiges geschrieben...
(
www.100km.ch)
Die langen Schlangen vor den Klo's auf dem Expo-Gelände vor Augen, entschloss ich mich es beim Start zu
probieren. Auf dem Weg dorthin fiel mir etwas besseres ein. Ich hatte noch ein paar Franken einstecken und
ein Espresso vor dieser Nacht würde auch nicht schaden. Gesagt, getan. Kurz vor dem Start eine sehr saubere
Toilette für mich ganz alleine - keine Warteschlange davor und genug Zeit - ich war im Läuferhimmel! Und der
Espresso war super lecker.
Der Start in der Stadt
Ich war schon etwas enttäuscht als ich am Startgelände ankam. Sicher hat das Wetter ganz erheblich auf die
Stimmung gedrückt, aber auch so - mit der Atmosphäre von letztem Jahr hatte das nicht viel zu tun.
Nun zu
Panne 1: Meine Kopfschmerzen wurden immer schlimmer und ich versuchte durch Massage etwas dagegen
zu tun - ohne viel Erfolg. Erst nach etwa 15 km wurde es besser.
Dann gleich
Panne 2: Meine Garmin schaffte es erst nach 15 Minuten genug Satelliten zu finden - etwa 5
Minuten zu spät. Das ist nun wirklich nicht schlimm, aber einfach ärgerlich.
Die ersten Kilometer in der Stadt waren toll. Trotz des Wetters viele Zuschauer, die richtig Stimmung machten.
Aber alles in allem blieb es mir komplett verborgen, was an einem Start mitten in der Stadt so toll sein
soll. Direkt im Startbereich waren sowieso nur Starter und deren Begleiter. Ob ich nun wie letztes Jahr
anschliessend durch die tolle Bieler Innenstadt mit der super Stimmung laufe oder eben direkt bleibt doch
gleich!
Dann
Panne 3 bei dem Rauslaufen aus der Stadt: Wir 100er sind voll auf die Nachtwalker aufgelaufen,
die teilweise in 5er Reihen die Strecke blokierten - in Kurven sogar die Ideallinie!!! Das war mühsam und
ärgerlich - für beide Seiten.
Raus in die Nacht
Regen und Laufen - eine ideale Kombination. So meine bisherige Erfahrung. Mit den richtigen Klamotten selbst
auf langen Strecken kein Problem. Allerdings beschränkte sich meine Erfahrung bisher auf kürzere Läufe (bis
90 Minuten) im Starkregen oder langen Läufen mit regnerischen Abschnitten (z.B. Rennsteig 2011). Nun hat es
aber von den 11 Stunden, die ich gelaufen bin gefühlte 9 Stunden geregnet, 3 davon sehr stark. Hinzu kommt,
dass es nachts dunkel ist (wow) und man die Pfützen trotz Stirnlampe of nicht oder zu spät sieht.
Panne 4: So blieb es nicht aus, dass auch ich die eine oder andere recht tiefe Pfütze voll erwischte und
triefend nasse Füsse hatte. Egal - weiter geht's.
Dann kam meine
Panne Nummer 5 dazu: Bauchschmerzen. Wie schon in meinem Bericht zu 2010 geschrieben
ist die Ernährung bei einem Ultra immer ein Thema. Ich persönlich habe grosse Probleme die geeignete Nahrung
in den geeigneten Mengen aufzunehmen ohne Magen-/Darm-Problem zu bekommen. Aber so schlimm war es noch nie.
Ich hatte richtige Krämpfe - bis ich bei Kilometer 26 eine längere Zwangspause auf dem WC einlegen musste.
Das kostete Zeit und die Schmerzen waren auch nicht wirklich weg. Erst bei km 40 ging es wieder besser.
Aber da kündigte sich schon die Folge von Panne 4 an: am linken Fussballen bemerkte ich eine Blase, aber
die Schmerzen waren erträglich und nahmen auch lange nicht zu. Die Füsse fühlten sich auch mittlerweile
schon wieder trocken an, so dass ich beschloss die in Kirchberg deponierten frischen Socken und Schuhe
nicht zu wechseln.
Der Lauf durch Aarberg mit der schönen Holzbrücke und dem Marktplatz war dieses Jahr leider auch nicht
ganz so spektakulär. Wegen des bescheidenen Wetters waren deutlich weniger Zuschauer an der Strecke.
Die Wenigen, die da waren haben aber super Stimmung gemacht!
Halbzeit in Kirchberg
In Kirchberg wollte ich aber dennoch an meinen Kleiderbeutel um meine Hüfttasche (Gels kriegte ich eh
nicht mehr runter) und die Regenjacke (war vollkommen durchnässt und nutzlos) dort zu lassen und vor
allem um mein OPEL-Shirt anzuziehen! Am Mittwoch vor Biel bin ich mit meinen Kollegen den JP Morgen
Corporate Challenge Lauf in Frankfurt mitgelaufen und wir bekamen sehr witzige und schnittige Shirts
(siehe Fotos am Ende des Berichts). Warum nicht als Mitarbeiter, der von den eigenen Produkten voll
überzeugt ist, diese Message nach aussen tragen? An der Stelle auch vielen Dank an Thorsten Schmitt,
der den Lauf immer mit unglauglichem Engagement für uns Opelianer organisiert!
Panne 6: Leider hat es eine gefühlte Ewigkeit gedauert, bis ich das Kleiderbeutel-Depot finden
konnte - nirgendwo ein Schild!!! Andere Läufer und sogar einige Helfer konnten mir nicht helfen! Dann
fand ich das Depot und es dauerte wieder eine Ewigkeit bis ich wieder auf der Strecke war.
Schmerz ist relativ, aber einschränkend
Bis etwa Kilometer 70 hatte ich trotz all der Umstände immer noch einen Schnitt von 5:50 und damit einen
guten Abstand zu einer 10 Stunden Zielzeit. Ich war zufrieden und fühlte mich noch fit genug. Der Emmendamm
(Ho Chi Minh Pfad) war zwar super gefährlich (dunkel, nass und glitschig) und ich hörte diesmal einige
andere Läufer laut fluchen (siehe Bericht zu 2010). Ich kam aber ohne Sturz und ziemlich flott durch.
Ich schwebte auf Wolke 7 und malte mir schon den Zieleinlauf in 9 Stunden irgend was aus - HERRLICH!!!!
Aber dann... die "kleine" Blase am linken Fuss schmerzte immer stärker und ab km 70 so stark, dass mir klar
wurde - das hat Konsequenzen - du kannst froh sein, wenn du überhaupt noch finishst! Ich weiss nicht was
mehr weh tat - der Fuss oder diese Erkenntnis.
Die Schmerzen wurden so stark, dass ich teilweise stehen belieben musste. Um den Fussballen zu entlasten,
bin auf der Aussenseite gelaufen, was wiederum nach einiger Zeit Auswirkungen auf die Muskeln hatte und
zusätzliche Blasen am kleinen Zeh einbrachte. Ich schleppte mich bis nach Biebern um mich dort von den
Sanis zusammen flicken zu lassen. Schon oft habe ich in Laufberichten gelesen, dass es danach einigermassen
gut weiter gehen kann. Ich hoffte noch ein wenig wenigstens die Qualifikationszeit des Spartathlon zu
schaffen (10:30 h).
Die zwei Helferinnen der Sanitätsstation waren sehr nett und bemüht. Die jüngere von beiden ist allerdings
beim Anblick meiner Fusssohle fast umgekippt. Ich wäre dass sicher auch, wenn ich nicht schon gesessen
hätte. Die gesamte Sohle war ein weisser Teig - völlig aufgedunsen und weich. Die Blase war etwa
Handtellergross. Ich musste sie selber aufstechen, was nicht wirklich weh tat. Anders dagegen die
Desinfektion - mein Gott!!! Ich glaube es hätte nicht mehr weh getan, wenn sei ein Päckchen Salz drüber
geschüttet hätte!
Nachdem ein Blasenpflaster nicht ausreichte war die Helfering ratlos und wollte es schon so lassen - ich
müsste ja nur noch zum Bus. Bus???? Ich will weiter laufen! Ab da habe ich gemerkt, dass ich für bekloppt
gehalten wurde - aber das war ich gewohnt.
Wir verwendeten noch einige Mengen von Pflastermaterial und weiter ging es - leider im Gehschritt. Besser
war es danach nicht - die 15 Minuten hätte ich mir im Nachhinein besser erspart.
Ich wollte zu Fuss nach Biel - da war ich mir sicher. Nun galt es den optimalen Weg dahin zu finden und
sich mental umzustellen. Eins war mir klar - auch die 10:30 sind tot. Die Challenge ist jetzt einzig und
allein aus eigener Kraft anzukommen! Und um so langsamer ich ging oder gar stand - um so länger wird die
Qual andauern. Deshalb stellte ich mich mental auf den Schmerz ein und bin ab km 80 wieder gelaufen. Zwar
sehr langsam (8:00 min/km etwa) mit Geh- und Stehpausen, aber immerhin.
Der Weg machte mir immer mehr zu schaffen. Nach Biebern folgt erst mal ein längeres Stück Asphalt, was
für die Blasen ganz gut war. Danach bestand der Weg aber nur noch aus dem typischen steinigen Wegen der
Gegend. Die kleinen Steine haben unerbittlich durch die Schuhsohle auf das blanke Fleisch gedrückt. Mir
wurde schwindelig vor Schmerz, Mittlerweile war es auch weit mehr als eine Blase - am Ende waren es fünf.
Auf beiden Fussballen und dann auch auf der Aussenseite durch die automatische Schonhaltung beim Laufen.
Interessant war, dass nachdem es für den Schmerz egal war, wie ich auftrat, ich mental besser damit umgehen
konnte. Der Schmerz wurde zum unwillkommenen, akzeptierten Begleiter auf den letzten Kilometern.
Und so konnte ich letzt endlich nach 11 Stunden und 13 Minuten, obwohl ich eine halbe Stunde langsamer
war wie letztes Jahr und gerade mal mein Minimalstziel erreicht habe, nicht wirklich glücklich, aber sehr
stolz über die Ziellinie hüpfen. Ich legte sogar noch eine kleine Pirouette hin, damit man den Sinn unseres
tollen OPEL-Shirts erkenn kann:
Na ja - Schnelligkeit ist relativ (zur Strecke), wie der Schmerz ja auch.
Fazit
Ihr habt den Bericht gelesen - und Lust bekommen so was auch mal zu machen? Wahrscheinlich nicht - falls Ihr
noch nicht selbst mal so etwas erlebt habt. Es ist eine unglaubliche Erfahrung, die einen nicht nur
lauftechnisch weiter bringt. Mentale Stärke, das Akzeptieren können von negativen, aber unabdingbaren
Umständen, zu Verstehen, dass es immer weiter geht - egal wie schlimm die Situation auch aussieht.
Ich würde es wieder tun - auch bei dem Wetter - auch bei den schlechten anderen Bedingungen. Der Spartathlon
wird mit Sicherheit eine ganze Ecke mehr fordern und dieses Biel 2011 war glaube ich kein schlechter Schritt
auf dem Weg zum König...
| Mein Ergebnis: | 100km in 11:13:54 |
| Gesamtwertung Männer: | Rang 273 von 888 im Ziel |
| Altersklasse M35: | Rang 31 von 74 im Ziel |