Die langen 100 km von Biel
Bericht von Marco Gertsch
Der "Hunderter" war mein erklärtes
Saisonziel, auf welches ich mich mehr oder weniger seriös vorbereitet habe. Wie
ich das so gemacht habe, wisst Ihr ja aus diversen anderen Berichten, also recht
ordentlich. Nach dem 24 Stunden Lauf von Basel hatte ich ja doch recht stark mit
meinem linken Knie zu kämpfen. Der Lauf war den Muskeln und Sehnen irgendwie
nicht so bekommen (komisch nicht) und so streikten sie für ca. 2 Wochen, was
mich zu einer kleineren Zwangspause "verdonnerte". Ich ertrug es mit Fassung,
wartete aber sehnsüchtig darauf, mich wieder bewegen zu können (süchtig halt).
Am Donnerstag der zweiten Woche war es dann endlich so weit, der Test mit dem
Velo verlief erfolgreich und so radelte ich abends zum Schwimmtraining, welches
ich eher schlecht als recht durchstand. Von da an ging es aber schnell und
stetig bergauf, so dass ich die für den Bieler notwendigen längeren Einheiten
noch absolvieren konnte. In den Wochen drei und zwei vor dem Wettkampf
absolvierte ich 121 km und 58 km und fühlte mich von da her auch recht gut
vorbereitet.
Im Gegensatz zum 24h Lauf stand die letzte
Woche ganz im Zeichen der Regeneration. Ausser ein bisschen Footing am Morgen
(Brot holen) war Laufen verboten. Meinen Bewegungsdrang stillte ich mit 2
kleineren Schwimmeinheiten im See.
Freitag der 13. Juni 2003, endlich war er
da. Das Wetter und die Prognosen versprachen einen tollen Lauf. Die Fahrt war
heiss, so dass wir alle sehr froh waren, gegen 20:45 Uhr in Biel aus dem Auto
raus zu kommen. Ich packte die für den Lauf vorbereiteten Utensilien und ab ging
es zur Startnummernausgabe.

Es wird so langsam ernst ...
Mit der Nummer in der Hand dislozierte ich in den
Samariterposten, wo meine Frau Pascale und eine Samariterin meine Problemzehen
verbandagierten. Diese Vorsichtsmassnahme war eine der Lehren aus dem 24h Lauf.

Füsse tapen, sicher ist sicher
Die verbliebene Stunde war mit
Vorbereitungen, WC Besuch(en), Trinken und Diskutieren schnell vorbei. Natürlich
hatte ich mir im Vorfeld so meine Gedanken über das zu avisierende Ziel gemacht.
Das Resultat meiner Überlegungen war das Knacken der 10 Stunden Grenze. Nach der
Analyse meiner Laufleistungen in Basel war ich der Überzeugung, dass ich dies
schaffen sollte (netto brauchte ich dort für die ersten 100km knapp 11 Stunden).
Um die Blamage einer Nichterreichung möglichst gering zu halten (man ist da halt
etwas eitel), habe ich dieses ehrgeizige Ziel (letztes Jahr schafften das nur
gerade 130 von 1'400 Läufer) nicht an die grosse Glocke gehängt. Mental jedoch
hatte ich mir dieses Ziel jedoch verinnerlicht und war bereit, dafür auch etwas
(aber nur ein wenig) zu leiden. Als grössten Unsicherheitsfaktor erachtete ich
prospektiv, ob mein linkes Knie halten würde oder nicht. Da die eher als dürftig
einzustufenden Unterlagen zum Lauf nicht sehr viel über die Strecke hergaben,
machte ich mir diesbezüglich keine Sorgen.
Meine Renntaktik (tönt gut, nicht wahr), war
somit schnell geschmiedet: am Anfang etwas "Gummi" geben, um mit dem
herausgelaufenen Vorsprung auf die Marschtabelle den erwarteten Einbruch (Knie
etc.) gegen Ende auffangen zu können. Trotzdem wollte ich das Rennen nicht zu
rasch angehen und programmierte im Vorfeld sicherheitshalber meine Pulsuhr mit
drei abgestuften Frequenzbändern.

Konzentration vor dem Start
Nun stand ich also am Start des
ehrwürdigen Bielers. Basierend auf meinen Recherchen und meinem ehrgeizigen Ziel
reihte ich mich im vorderen Startfeld ein. Die Stimmung vor dem Start war
grandios. Ein Dudelsack-Spieler heizte kurz vor dem Start die Stimmung noch
weiter an. Dann kam der erlösende Startschuss und die aufgestauten Energien und
Emotionen der Läufer ergossen sich auf die Laufstrecke. Das Anfangstempo war
horrend (anders kann ich dies nicht bezeichnen). Ich hatte so meine Zweifel, ob
ich wirklich am richtigen Ort gestartet war, überspurtete mich doch so ziemlich
alles (zumindest hatte ich das Gefühl).
Plötzlich wurde ich von hinten begrüsst,
Waldemar, ein Leidensgenosse aus dem 24h Lauf hatte mich erkannt. Wir liefen ca.
2 km zusammen, bis wir uns gegenseitig Glück wünschten und unsere eigenen Tempi
laufen wollten. Ich war es leid, laufend überholt zu werden und verschärfte nach
ca. 3 km das Tempo. Den nächsten Kilometer lief ich in 4:30, aber nach der
ersten Pinkelpause ausgangs Biel nahm ich wieder Tempo weg und reduzierte auf
die geplanten 11 km/h.

Und los ging's
Ungefähr bei Kilometer 7 trafen wir auf
die erste, doch recht knackige Steigung (jetzt wusste ich, wieso die Leute von
einer coupierten Strecke gesprochen haben). Als schlechter Bergauf-Läufer wurde
ich wieder nach hinten durchgereicht. Wo es rauf geht, muss es auch wieder
runter gehen, so auch bei dieser Steigung. Ich liess mich gehen und machte den
verlorenen Boden so rasch wieder gut. Ich war froh, dass sich mein Gewicht
mindestens hier mal in positiver Form bemerkbar machte.
Die nächsten 10 km waren eher flach und
mit meiner Zeit von knapp 53 Minuten war ich mit mir zufrieden. Die nächsten 10
km waren nun aber gar nicht mehr flach. Auf und Ab wechselten sich laufend ab
und damit auch das Spiel mit zurückfallen und wieder aufschliessen. Mit den
gelaufenen 59 Minuten für die Strecke konnte ich mein Polster (unterzwischen
gute 13 Minuten) nicht gross ausbauen, geschrumpft ist es jedoch auch nicht, ich
war also fürs erste Mal zufrieden.
Die zurückgelegte Distanz wurde alle 5 km
angezeigt, so dass ich schon früh begann, den Lauf in 5er Scheiben zu zerlegen.
Die 35er Scheibe (30-35km) schaffte ich nochmals unter 30 Minuten, so dass mein
Polster auf knappe 15 Minuten anstieg. Auf den kommenden 5 km, eine gerade
Strecke mit wenig Abwechslung, hatte mein Kopf Zeit und Lust, sich negativ in
Szene zu setzen. Immer wieder musste ich mir in dieser Phase des Laufs die
schöne Umgebung, die tolle Stimmung, den schönen Mond etc. vor Augen führen.
Trotz der flachen Strecke stieg mein Schnitt für die 5 km über 30 Minuten (nicht
gerade förderlich für die Motivation).
Wir passierten den ersten Kontrollposten
und ich versuchte meinen Geist möglichst wieder auf Kurs zu bringen, sonst würde
das mit den 10 Stunden eher schwierig werden. Da wir gerade ungefähr bei km 42
durchjoggten, führte ich mir vor Augen, dass es doch eine nicht schlechte
Leistung sei, auf dem 100er den ersten Marathon unter 4 Stunden zu Laufen (tönt
ja auch wirklich gut). Das und die Fixation auf die bevorstehende Halbzeit
halfen, meinen Kopf wieder frei zu bekommen. Als Lohn der Mühe ging's mal wieder
knackig bergauf. Da die 40 Kilometerchen in den Beinen mir nicht gerade zu
zusätzlicher Spritzigkeit am Berg verhalfen und es auch nicht wie sonst gleich
wieder runter ging, sackte meine Geschwindigkeit auf 9 km/h zusammen, was mein
Polster um weitere 3½ Minuten schmelzen liess.

Verpflegungsstation bei km 65
Bis dato hatte ich brav an jeder
Verpflegungsstation meinen Bidon mit Iso oder Tee gefüllt und jede Stunde einen
Gel verdrückt. Nach km 45 kamen aber plötzlich 2 Verpflegungsstationen kurz
hintereinander. Da mein Bidon noch voll war, liess ich die Station links liegen,
es kommt ja bald wieder eine... Ein seeeeeeeeehhhhhhrr grosser Fehler und Irrtum
wie sich herausstellte. Die nächste Verpflegungsstation wollte und wollte nicht
kommen. Ich spürte, wie ich langsam dehydrierte. Die Beine begannen wie wild zu
schmerzen, die Motivation und mit ihr das Tempo sackten in den Keller. Voller
Verzweiflung fragte ich einen Begleitvelofahrer eines anderen Läufers, ob er was
zu trinken habe und bekam Gott sei Dank etwas Wasser. Unendlich viel später war
er endlich da, der erlösende Kontrollposten mit Verpflegung. Gierig stürzte ich
mich aufs kalte Buffet und munitionierte meinen Flüssigkeitshaushalt wieder auf.
Erstaunt war ich, dass mich das Malheur
auf meiner Marschtabelle nur 1½ Minuten gekostet hat. Das motivierte und die
wiederkehrende Geister beflügelten mich derart, dass ich die nächsten 5 km mal
wieder unter 30 Minuten lief (28:50).
Jetzt wurde es brutal. Ich hatte mich
schon gefragt, warum mir mein Kollege empfohlen hatte, eine Taschenlampe
mitzunehmen. Ich sollte auf den nächsten 5 km herausfinden warum. Es folgte ein
enger Trampelpfad, übersäht mit Wurzeln, Schlaglöchern und herabhängenden Ästen,
welcher das Laufen zur Qual machten. Da sich dieses nette Weglein mitten im Wald
befand, war es stockdunkel. Ich montierte meine Stirnlampe und trampelte dem
Pfad nach, wobei ich immer wieder Läufer (im Dunkeln tappende) überholte. Ich war
heilfroh, als wir bei km 60 an einen (beleuchteten) Verpflegungsstand kamen und ich
trotz 3-4 Stolpern unverletzt geblieben bin. Der Ho-Chi-Minh Pfad kostete mich
zum Glück nicht mehr als gute 2 Minuten, so dass ich mich mit einem Polster von
8½ Minuten auf die letzten 40 km machte.
Froh, diesen Teil hinter mir gelassen
zu haben, drückte ich wieder etwas aufs Tempo und schaffte die nächsten 5 km in
nahezu 30 Minuten. Langsam begannen sich die Kilometer physisch wie mental
bemerkbar zu machen. Immer mehr zweifelte ich daran, dass meine 8 Minütchen
Polster für die verbleibenden 25 km reichen würden. Da ich wusste, dass solche
Gedanken meiner Performance nicht gerade zuträglich sind, führte ich immer
wieder mein mentales Emergency Programm durch: ich führte mir vor Augen, dass es
nicht mehr weit ist (nur noch meine normale Laufrunde) und dass auch eine Zeit
knapp über 10 Stunden eine gute Zeit wäre.
Das half. Den Einbruch bei km 75 (32
Minuten obwohl es bergab ging), konnte ich auffangen und so lief ich die 80er
Scheibe bergauf wieder in 30 Minuten. Nun begann es mir wieder Spass zu machen,
konnte ich doch in dieser Phase den einen oder anderen Läufer überholen. Kurz
vor und an der Verpflegungsstation bei km 81 hatte ich dann nochmals eine
grössere Krise. Ich machte eine kurze Pause, zog mir nochmals einen Gel rein und
motivierte mich an der Aussage einer Athletin, dass es von jetzt an bis Biel nur
noch abwärts und gerade aus ginge. Obwohl es auf den nächsten 2 km nochmals eher
aufwärts als abwärts ging, half mir dies (man soll solche Aussagen ja nicht ganz
so wörtlich nehmen, das wird schon noch).
Und dann ging es wirklich runter, und wie!
So gut meine müden Beine noch konnten, liess ich es Laufen. Da ich die folgenden
zwei Tranchen in je 30 Minuten lief, blieb mein Polster konstant auf 5 Minuten
stehen. Ich schöpfte daraus natürlich wieder Hoffung, mein Ziel doch noch
erreichen zu können...

Endlich im Ziel
Die unterzwischen aufgegangene Sonne liess
das Thermometer wieder auf 27 Grad ansteigen, was das Laufen über die offene
Ebene vor Biel nicht gerade interessanter machte. Dies und die dringend
benötigte Pinkelpause kosteten mich fast drei Minuten. Das schwindende Polster
und das nahe Ziel, km 95 war durch und von hier an wurde jeder Kilometer
angezeigt, liessen mich das Tempo verschärfen. Ich hatte mir ja vorgenommen, für
die Erreichung meines Ziels auch etwas zu leiden, jetzt war die Zeit gekommen,
dies umzusetzen, ich gab nochmals Gas!
Die letzte Steigung missachtend lief ich
die letzten 5 km wieder in ca. 28 Minuten. Endlich war es geschafft, die 100 km
von Biel 2003 waren (zumindest für mich) Geschichte. Es war hart gewesen und ich
war sehr froh, im Ziel angekommen zu sein. Glücklich war ich natürlich auch,
mein avisiertes Ziel mit einer Zeit von 9:56:02 erreicht zu haben und mit dem
155. Rang von 1196 Klassierten Läufern war ich sogar ein wenig Stolz auf meine
Leistung.

Eine Medaille gab's auch
Zum Abschluss möchte ich allen, welche
Biel auch mal probieren wollen, folgendes mitgeben:
- Probiert es ruhig aus, bedenkt aber, es ist kein Ironman,
d.h. ihr macht 10 oder mehr Stunden das gleiche, Laufen, Laufen und nochmals
Laufen. Das solltet ihr in langen Einheiten trainieren (ich bin dieses Jahr ca.
1400 km gelaufen). Macht dabei ruhig auch mal Einheiten über 30 oder gar 40
km, ihr werdet es in Biel zu schätzen wissen.
- Erarbeitet euch ein mentales Emergency Programm, mit dem
ihr euch aus den unvermeidlichen Tiefs herausholen könnt. Euer Kopf hat 10
oder mehr Stunden Zeit, sich negativ in Szene zu setzen (er wird zum Laufen ja
nicht gebraucht), ich garantiere euch, er wird es tun! Hier ist unter
Umständen Musik eine gute Möglichkeit den Kopf abzulenken. Die paar Gramm
Zusatzgewicht sind den Nutzen wert (sprich mir hat's gefehlt).
- Esst und trinkt wie die Weltmeister. Legt euch einen
Essensplan zurecht, welcher auf den Erfahrungen im Training basiert. Bei mir
hat sich beispielsweise Trinken alle 10-15 Minuten und ein Gel pro Stunde
recht gut bewährt. Haltet diesen Rhythmus aber nicht fix bei, variiert diesen
logischerweise mit dem Tempo, den Umgebungsbedingungen und eurem ganz
persönlichen Gefühl.
- Nehmt eine Stirnlampe mit, der Ho-Chi-Minh Pfad ist auch
mit einer solchen Lampe gefährlich genug, ohne wird es mühsam ...
So im Nachhinein betrachtet ziehe ich aus
dem Lauf eine positive Bilanz. Es war schön, die Stimmung an der Strecke war
phänomenal (in weiten Strecken besser als am viel gelobten Zürich Marathon) und
die zu laufende Strecke ist es (mit Ausnahme des Ho-Chi-Minh) wirklich Wert. Ich
habe mich vom Lauf erstaunlich schnell erholt, geblieben ist ein
mittelprächtiger Muskelkater, welcher sich aber in den nächsten Tagen
verabschieden dürfte, so dass nur noch die positiven und schönen Erinnerungen
übrig bleiben werden.
In diesem Sinn wünsche ich euch schon
jetzt viel Spass und Erfolg in eurem Projekt "Biel"!
⇒ Original-Bericht