Die Geschichte des 100 km Laufs von Biel: seit 1959, und was sich verändert hat
Ältester Ultramarathon Europas, sechs Jahrzehnte dieselbe Grundform, und ein Teilnehmerfeld, das sich in dieser Zeit gedrittelt hat.
Der 100-km-Lauf von Biel wird seit 1959 ausgetragen und gilt als ältester Ultramarathon Europas. Die Ausgabe 2005 war nach der Zählung der Ultramarathon-Statistik die 47., was die Reihe bis 1959 zurückrechnen lässt. Damit ist der Lauf älter als der Begriff Ultramarathon, unter dem er heute geführt wird.
Von der Randerscheinung zum Massenlauf
Die Statistik erfasst 64 Austragungen zwischen 1962 und 2026 und zeigt einen deutlichen Bogen. In den Siebziger- und Achtzigerjahren wuchs das Feld auf Zahlen, die heute erstaunen: 1983 kamen 3410 Personen ins Ziel. Das ist mehr als das Dreifache der Ausgabe 2026 mit 982 Finishern.
Dieser Rückgang ist keine Besonderheit von Biel. Er folgt der allgemeinen Entwicklung im Volkslauf, wo die grossen Strassenläufe der Achtzigerjahre ihre Teilnehmerzahlen an eine viel breitere Auswahl an Formaten abgegeben haben. In Biel kommt hinzu, dass der Lauf nie kürzer und nie bequemer geworden ist: dieselbe Distanz, dieselbe Nacht, derselbe Kurs.
Bemerkenswert ist, was sich dabei nicht verändert hat. Die schnellste Siegerzeit der ganzen erfassten Reihe stammt aus der jüngsten Ausgabe. Ein kleineres Feld hat in Biel also nicht zu einem schwächeren Feld geführt, und wer aus den Teilnehmerzahlen auf das Niveau schliesst, liegt falsch.
Ein Detail, das die Reihe ebenfalls zeigt: der Lauf hat seinen Termin über Jahrzehnte im Juni gehalten, und zwar am zweiten Wochenende. Für eine Veranstaltung, die Strassen in über zwanzig Gemeinden und zwei Kantonen braucht, ist diese Konstanz keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis einer eingespielten Zusammenarbeit mit Behörden, Polizei und Anwohnerschaft. Sie ist der Grund, warum der Termin planbar ist, lange bevor die Ausschreibung erscheint.
Die Zweisprachigkeit als Teil der Identität
Biel liegt auf der Sprachgrenze, und der Lauf trägt das in seinem Namen. «Bieler Lauftage» und «Courses de Bienne» stehen nebeneinander, der Beiname existiert als «Nacht der Nächte» und als «La Nuit des Nuits». Auch das Reglement erscheint dreisprachig. Für eine Veranstaltung, die durch zwei Kantone und über zwanzig Gemeinden führt, ist das keine Formalität, sondern eine praktische Notwendigkeit.
Die Namen, die über Jahre bleiben
Eine Beobachtung, die man erst in einer so langen Reihe machen kann: einzelne Personen prägen diesen Lauf über Jahrzehnte. Bei den Männern führt Helmut Urbach mit sieben Siegen, bei den Frauen Birgit Lennartz-Lohrengel mit ebenfalls sieben. In der jüngeren Zeit steht Claudia Bernasconi fünf Mal als Siegerin in der Liste, mit Zeiten, die erstaunlich eng zusammenliegen.
Solche Serien sind bei einem Strassenultra weniger eine Frage der Tagesform als eine Frage der Routine mit einer sehr spezifischen Belastung: flach, nachts, über viele Stunden. Wer gelernt hat, damit umzugehen, kann diese Fähigkeit über Jahre abrufen, und genau das lesen die Zahlen ab.
Bei den Bestzeiten fällt eine Asymmetrie auf. Die schnellste Siegerzeit der Männer stammt aus der jüngsten Ausgabe, die der Frauen aus den Neunzigerjahren. Bei einer Reihe über sechs Jahrzehnte ist das ungewöhnlich und hat weniger mit Leistungsfähigkeit zu tun als mit der Grösse des Felds: ein Feld mit dreitausend Startenden bringt mehr Ausnahmeergebnisse hervor als ein Feld mit tausend.
Ein Jahr, das aus der Reihe fällt
2021 steht in der Statistik mit 153 Finishern, dem tiefsten Wert der Aufzeichnungen. In diesem Jahr fand der Lauf nicht im Juni statt, sondern im September. Wer Zeitreihen wie diese auswertet, sollte solche Ausgaben getrennt betrachten, weil ein verschobener Termin sonst die Statistik eines ganzen Jahrzehnts verzerrt.
Ansonsten ist die Kontinuität die eigentliche Geschichte. Über sechs Jahrzehnte hat sich der Lauf in seinem Kern nicht verändert: Start am Freitagabend, hundert Kilometer durch das Seeland, Ziel in Biel am Samstag. Die Schliesszeiten und die Startzeiten der Nebenformate wurden angepasst, die Strecke wurde in Details verlegt, aber die Grundform steht.
Wer die Zahlenreihe von 1959 bis heute liest, sieht keinen gleichmässigen Aufstieg, sondern Wellen. Auf jede Ausgabe mit einem auffallend grossen Feld folgen zwei oder drei ruhigere, und die grossen Jahre liegen nicht dort, wo man sie vermuten würde: nicht am Anfang der Begeisterung für lange Distanzen, sondern dann, wenn eine Generation von Läuferinnen und Läufern gleichzeitig alt genug für hundert Kilometer und noch jung genug dafür ist. Die Reihe folgt damit weniger dem Lauf selbst als dem Alter derer, die ihn bestreiten.
Bemerkenswert ist auch, was nicht in der Statistik steht. Die Zahl der Gemeldeten liegt in allen dokumentierten Jahren deutlich über der Zahl der Finisher, und die Differenz bleibt über Jahrzehnte ähnlich gross. Sie verändert sich weder mit besserem Schuhwerk noch mit genaueren Trainingsplänen. Was hundert Kilometer schwer macht, hat sich zwischen der ersten und der jüngsten Ausgabe offenbar nicht verschoben.
Nach Jahrzehnten
Mittelwerte über die in der DUV-Reihe erfassten Ausgaben. Die Jahre vor 1962 sind dort nicht vollständig abgebildet.
Häufige Fragen
Seit wann gibt es den 100-km-Lauf von Biel?
Seit 1959. Die Ausgabe 2005 war nach der Zählung der Ultramarathon-Statistik die 47., was die Reihe bis 1959 zurückrechnen lässt. Der Lauf gilt als ältester Ultramarathon Europas.
Wie viele Menschen sind früher ins Ziel gekommen?
Der höchste erfasste Wert stammt aus 1983 mit 3410 Finishern. In der Ausgabe 2026 waren es 982, also weniger als ein Drittel.
Ist das Niveau mit den Teilnehmerzahlen gesunken?
Nein. Die schnellste Siegerzeit der ganzen erfassten Reihe stammt aus der jüngsten Ausgabe: 06:31:48 im Jahr 2026. Ein kleineres Feld bedeutet in Biel kein langsameres Feld.
Warum fällt ein Jahr so stark aus der Reihe?
2021 fand der Lauf im September statt und nicht im Juni, und es kamen nur 153 Personen ins Ziel. Bei Auswertungen sollte diese Ausgabe getrennt betrachtet werden.
