99km.ch Ein Kilometer anders. Den Lauf entdecken

Die Nacht der Nächte: warum der 100 km Lauf von Biel im Dunkeln gelaufen wird

Siebeneinhalb Stunden Dunkelheit, ein Temperaturminimum, das mit dem tiefsten Punkt des Rennens zusammenfällt, und ein Beiname in zwei Sprachen.

«Nacht der Nächte» und «La Nuit des Nuits»: der Beiname des Laufs von Biel existiert in beiden Sprachen der Stadt, und er ist keine Werbeformel, sondern eine Beschreibung. Der Lauf findet vollständig in der Dunkelheit statt, und er ist damit unter den grossen europäischen Strassenultras eine Ausnahme.

Was ein Nachtstart praktisch bedeutet

Um 22:00 Uhr geht das Feld über 100 Kilometer los. Bis der Himmel hell wird, sind je nach Jahr siebeneinhalb Stunden vergangen, und in dieser Zeit passiert das Wesentliche des Rennens. Wer neun Stunden braucht, sieht den Sonnenaufgang kurz vor dem Ziel. Wer fünfzehn braucht, läuft danach noch einen halben Sommertag.

Die Dunkelheit verändert dabei mehr als die Sicht. Ohne Horizont wird das Tempogefühl unzuverlässig, und die Stirnlampe leuchtet einen Kegel aus, in dem der Boden flacher erscheint, als er ist. Der Schlafrhythmus arbeitet gegen die Läuferin und den Läufer, und zwar am stärksten in den Stunden zwischen drei und fünf, also genau dann, wenn auch die Temperatur ihr Minimum erreicht. In der ausgewerteten Reihe lag das Nachtminimum im Schnitt bei 13.1 Grad, im kältesten Fall bei 5.6.

Dazu kommt der Bodennebel. Über dem Bielersee und in den Feldern des Seelands bildet er sich bei windstillen Nächten regelmässig, und feuchte Kleidung kühlt bei gleicher Lufttemperatur deutlich schneller aus. Die gemessene Temperatur unterschätzt die Belastung deshalb systematisch.

Warum das Feld die Nacht trotzdem schätzt

In Laufberichten über Biel steht selten, dass die Nacht ein Nachteil sei. Zwei Gründe kommen immer wieder. Der erste ist die Temperatur: hundert Kilometer bei zwanzig Grad in der Nacht sind physiologisch angenehmer als hundert Kilometer bei dreissig Grad am Tag, und der Juni im Mittelland kann beides. Der zweite ist die Atmosphäre. Dörfer, die um Mitternacht schlafen, ein Streckenposten mit Taschenlampe, und in Aarberg Menschen an der Strasse, die dort um zwei Uhr morgens nichts zu suchen hätten und trotzdem stehen.

Der Veranstalter beschreibt die Strecke als Weg, der «die Läufer*innen in der Nacht durch über 20 Gemeinden und 2 Kantone» führt. Genau diese Verbindung, eine sehr lange Distanz und eine sehr grosse Zahl beteiligter Orte, ergibt die Atmosphäre, für die der Beiname steht.

Die Logistik einer Nacht

Ein Nachtlauf verlagert die ganze Organisation in Stunden, in denen normalerweise nichts stattfindet. Die Startnummernausgabe läuft am Freitag bis 22:00 Uhr auf der Place Publique, der Drop Bag muss bis 21:30 Uhr abgegeben sein, und die Velobegleitung trifft sich um 20:45 Uhr, um um 21:00 Uhr unter Polizeibegleitung nach Lyss zu fahren. Die Siegerehrung über zehn Kilometer ist am Samstag um 00:30 Uhr, die des Halbmarathons um 00:45 Uhr, die der 100 Kilometer um 08:00 Uhr.

Für die Streckenposten bedeutet das eine Nachtschicht über die ganze Distanz. 18 Verpflegungsposten und 8 Sanitätsposten müssen von etwa 22 Uhr bis in den Samstagabend besetzt sein, weil die Spanne zwischen der schnellsten und der spätesten Ankunft über dreizehn Stunden beträgt. Für eine Veranstaltung, die über zwanzig Gemeinden berührt, ist das der eigentliche organisatorische Aufwand, und er ist in keiner Rangliste sichtbar.

Der Sonnenaufgang als eigentlicher Wendepunkt

Wer die Berichte quer liest, findet den Sonnenaufgang häufiger erwähnt als das Ziel. Das hat einen nüchternen Grund: er fällt bei den meisten Teilnehmenden mit dem tiefsten Punkt des Rennens zusammen. Die Temperatur ist am niedrigsten, die Reserven sind aufgebraucht, das Tempo ist gesunken, und der Streckenabschnitt zwischen Oberramsern und Kirchberg ist der stillste des ganzen Kurses.

Danach wird es besser, und das ist die zweite Beobachtung, die sich wiederholt. Mit dem Licht kehrt das Tempogefühl zurück, in Kirchberg wartet der Drop Bag, und die letzten dreissig Kilometer über Bibern und Büren nach Biel laufen bei Tag. Die Nacht ist der schwierigste Teil, aber sie ist auch der Teil, an den man sich erinnert.

Häufige Fragen

Warum startet der Lauf erst um 22 Uhr?

Die ganze Veranstaltung ist als Nachtlauf angelegt; daher der Beiname «Nacht der Nächte». Praktisch hat der Nachtstart den Vorteil, dass die Temperaturen für eine Distanz von hundert Kilometern angenehmer sind als an einem Junitag im Mittelland.

Wie lange läuft man im Dunkeln?

Je nach Jahr rund siebeneinhalb Stunden. Wer neun Stunden für die Distanz braucht, sieht den Sonnenaufgang kurz vor dem Ziel; wer fünfzehn braucht, läuft danach noch einen halben Sommertag.

Was ist an einem Nachtlauf schwieriger?

Ohne Horizont wird das Tempogefühl unzuverlässig, der Schlafrhythmus arbeitet gegen die Läuferin und den Läufer, und das Temperaturminimum fällt in dieselben Stunden. Im Schnitt lag es bei 13.1 Grad, im kältesten Fall bei 5.6.

Woher kommt der Name «La Nuit des Nuits»?

Biel liegt auf der Sprachgrenze, und die Veranstaltung führt ihren Namen zweisprachig. «Bieler Lauftage» und «Courses de Bienne», «Nacht der Nächte» und «La Nuit des Nuits» stehen gleichberechtigt nebeneinander.

Allee alter hoher Bäume über einer geraden Strasse bei Nacht (AI-generiertes Bild)
AI-generiertes Bild