Laufberichte vom 100 km Lauf in Biel: die Nacht aus dem Feld erzählt
Zwischen der schnellsten und der spätesten Ankunft liegen mehr als dreizehn Stunden. Das sind zwei verschiedene Rennen auf derselben Strecke.
Ranglisten sagen, wer angekommen ist. Laufberichte sagen, wie. Für einen Lauf, der um 22:00 Uhr beginnt und dessen Ziel erst am Samstagabend schliesst, ist das ein erheblicher Unterschied, denn zwischen der schnellsten und der langsamsten Ankunft liegen mehr als dreizehn Stunden und zwei völlig verschiedene Rennen.
Die immer gleichen vier Stellen
Wer viele Berichte über Biel liest, findet vier Stellen, die in fast jedem vorkommen. Die erste sind die ersten Kilometer aus der Stadt hinaus, wenn das Feld noch dicht ist und ab etwa 22:40 Uhr die Halbmarathonläuferinnen und -läufer von hinten aufkommen. Es ist laut, es ist schnell, und der häufigste Fehler des ganzen Rennens passiert hier.
Die zweite Stelle ist Aarberg. Mitten in der Nacht stehen dort Menschen an der Strasse, und in den Berichten steht regelmässig, dass dieser kurze Abschnitt für Stunden trägt. Die dritte Stelle liegt zwischen Oberramsern und Kirchberg, und sie ist das Gegenteil: dunkel, still, und je nach Tempo genau in der Stunde, in der die Temperatur ihr Minimum erreicht. In der ausgewerteten Reihe lag das Nachtminimum in Biel im Schnitt bei 13.1 Grad.
Die vierte Stelle ist Büren, der letzte Verpflegungsposten mit eigener Schliesszeit. Ab dort sind es noch rund zehn Kilometer, es ist hell, oft warm, und die Frage ist nicht mehr, ob es reicht, sondern in welchem Zustand man ankommt.
Warum die Zeiten so weit auseinanderliegen
Der Start ist für alle um 22:00 Uhr, das Ziel schliesst um 19:00 Uhr, und dazwischen liegen 21 Stunden. Die Siegerzeit der Ausgabe 2026 lag bei 06:31:48. Wer das Zeitfenster ausnutzt, ist mehr als dreimal so lange unterwegs. Beide laufen dieselbe Strecke, aber der eine sieht sie zu zwei Dritteln im Dunkeln und der andere erlebt eine Nacht, einen Sonnenaufgang und einen halben Sommertag.
Das erklärt, warum Berichte über Biel so unterschiedlich ausfallen und warum ein Bericht aus der Spitze für die Mehrheit des Feldes nur begrenzt brauchbar ist. Die nützlichsten Texte kommen von Personen mit Zeiten zwischen zehn und fünfzehn Stunden, weil dort die eigentlichen Entscheidungen fallen: wann gehen, wann essen, wann die Schicht wechseln.
Der Fehler, der in fast jedem Bericht vorkommt
Er passiert in den ersten zwei Stunden und er heisst: zu schnell. Das Feld ist dicht, es ist frisch, die Temperatur ist angenehm, und ab 22:40 Uhr kommen Läuferinnen und Läufer von hinten auf, die einen Halbmarathon vor sich haben und nicht hundert Kilometer. Wer sich davon anstecken lässt, zahlt es zwischen Kilometer sechzig und achtzig zurück, und zwar mit Zinsen.
Die zweite Wiederholung betrifft das Essen. In den Berichten steht regelmässig, dass in den ersten Stunden zu wenig gegessen wurde, weil kein Hunger da war, und dass sich das um vier Uhr morgens nicht mehr aufholen liess. Der Appetit sinkt in der Nacht messbar, gerade dann, wenn die Reserven am tiefsten sind. Bei 18 Verpflegungsposten ist das ein lösbares Problem, aber nur, wenn man es vorher als solches erkennt.
Und die dritte: die Schicht zu spät gewechselt. Wer bei einsetzendem Frösteln noch zehn Kilometer wartet, kühlt in dieser Zeit so weit aus, dass die Jacke danach nicht mehr wärmt, sondern nur noch den Zustand hält. Berichte, die diesen Moment beschreiben, nennen ihn fast immer als die Stelle, an der das Rennen entschieden war.
Was ein guter Bericht enthält
Drei Angaben machen einen Laufbericht überhaupt vergleichbar, und sie fehlen erstaunlich oft. Die Endzeit, damit man weiss, aus welchem Teil des Feldes der Text kommt. Die Wetterlage der Nacht, denn zwischen einer Nacht bei 5.6 Grad und einer bei 18.6 Grad liegt eine andere Veranstaltung. Und die Angabe, ob eine Velobegleitung dabei war, weil sie die Verpflegungslogistik vollständig verändert.
Alles andere ist Erzählung, und die ist der Grund, warum man solche Texte liest. Welche Berichte einzeln überliefert sind, steht in der Übersicht unten.
Die Berichte dieser Sammlung, nach Ausgabe
Zwischen 2002 und 2014 haben Teilnehmende, Velobegleiter und Betreuende ihre Nacht in Biel aufgeschrieben. 25 dieser Beiträge sind einzeln überliefert, jeder unter einer eigenen Adresse. Die Übersicht nennt Ausgabe, Titel und Verfasser; die Endzeiten der jeweiligen Jahre stehen in der Statistik. Die drei ausführlich aufgearbeiteten Berichte sind verlinkt.
| Ausgabe | Bericht | Verfasser |
|---|---|---|
| 2002 | Die anderen 100 km von Biel: eine lange Nacht im Begleitauto | Mathilda Blumenthal |
| 2003 | Zwiesprache von Körper und Geist in der Morgendämmerung | Herbert Roos |
| 2003 | Die langen 100 km von Biel | Marco Gertsch |
| 2004 | Die Nacht der Nächte: ein Kultlauf mit Wetterkapriolen | Thomas Schmidtkonz |
| 2004 | Vor Biel ist der Weg länger als in Biel | Wolfgang Sacher |
| 2004 | Irgendwann musst du nach Biel, und wenn du willst ein zweites Mal | Katja Friedländer |
| 2005 | 100 km Biel, 17. und 18. Juni | Peter Gründling |
| 2005 | Die Nacht aus der Velobegleitung | Jens Vieler |
| 2005 | Die 47. Austragung, und ob 42,195 doch nicht die Antwort ist | Bernd Spring |
| 2005 | Die 100 Kilometer von Biel, 17. bis 18. Juni | Peter Heinrich |
| 2005 | Irgendwann musst du nach Biel, aber einmal ist genug | Michael Hausen |
| 2006 | Einmal musst du richtig frieren | Kristina Bode |
| 2006 | 100 km von Biel nach Bienne, oder wie stelle ich mein Leben auf den Kopf | Heiko Müller |
| 2007 | Die 100 Kilometer von Biel, 15. bis 16. Juni | Monika Fischer |
| 2007 | 100 km von Biel/Bienne, quer durchs Seeland | Bernd Prior |
| 2008 | Biel, oder Ankommen ist das Ziel | Claudia Ochs |
| 2008 | Die Fernsehbilder der Ausgabe 2008 | Tele Bielingue |
| 2009 | Wunderschöner dritter Bieler Lauf | Claudia Ochs |
| 2009 | Mein erster 100-km-Lauf | Martin Gafner |
| 2010 | Mein erstes Mal, 11. und 12. Juni | Gabi Lipfert |
| 2010 | Zu Fuss? Am Stück? Ohne Pause? Du bist bekloppt! | Silvan Basten |
| 2010 | Was für eine Nacht, und dieser Tag ist heute | Heidi und Ulrich Wanderer |
| 2010 | Trainingstagebuch auf den 100er: 100 km in 10.59 Stunden? | Andreas Rüefer |
| 2011 | Die Nacht der Pannen | Silvan Basten |
| 2014 | Die Fernsehbilder der Ausgaben 2013 und 2014 | Tele Bielingue |
Sortiert nach Ausgabe. Zwei Einträge sind Fernsehbeiträge, einer die Sicht aus dem Begleitauto, einer ein Trainingstagebuch vor dem Start; alle anderen sind Berichte aus dem Feld.
Häufige Fragen
Wie lange braucht man für die 100 Kilometer von Biel?
Die Siegerzeit der Ausgabe 2026 lag bei 06:31:48. Das Ziel schliesst am Samstag um 19:00 Uhr, bei einem Start um 22:00 Uhr sind das 21 Stunden. Der Grossteil des Feldes liegt zwischen zehn und fünfzehn Stunden.
Welcher Streckenabschnitt gilt als der schwerste?
In den Berichten wiederholt sich der Abschnitt zwischen Oberramsern und Kirchberg. Er ist dunkel und still und fällt bei den meisten Teilnehmenden mit dem Temperaturminimum und dem tiefsten Punkt der eigenen Reserven zusammen.
Ist es auf der Strecke einsam?
Nach den ersten Kilometern ja. Bis etwa 23:20 Uhr kommen die kürzeren Formate von hinten auf, danach zieht sich das Feld über hundert Kilometer auseinander. Ausnahmen sind die Ortsdurchfahrten, vor allem Aarberg mitten in der Nacht.
Was sollte in einem Laufbericht stehen, damit er nützlich ist?
Die Endzeit, damit klar ist, aus welchem Teil des Feldes der Text kommt, die Wetterlage der Nacht, und ob eine Velobegleitung dabei war. Diese drei Angaben machen Berichte überhaupt vergleichbar.
