Laufbericht vom 100 km Lauf in Biel 2010: Silvan Basten in 10:45 Stunden
Rang 231 von 1059, und ein Text, der die beiden Einbrüche der Nacht auf den Kilometer genau benennt.
Der Bericht zur Ausgabe 2010 ist der meistverlinkte Einzeltext der ganzen Sammlung, und er verdankt das nicht seiner Endzeit, sondern seiner Genauigkeit: er beschreibt die beiden Einbrüche, die in Biel fast jeden treffen, mit Kilometerangabe, Ursache und Ausgang. Wer wissen will, wie sich die Mitte der Nacht anfühlt, findet hier die nüchternste Beschreibung davon.
Der Weg zum Start
Am Anfang stand kein Läufertalent, sondern ein Ausgangsgewicht von 120 Kilogramm und ein Blutdruck von 180 zu 120. Achtzehn Monate und 38 Kilogramm später stand ein Marathondebüt in 3:46 Stunden, und danach die Frage, was jenseits davon liegt. Wer sich diese Frage stellt, stösst früher oder später auf den Satz, der in der Szene zum geflügelten Wort geworden ist: irgendwann musst du nach Biel. Er stammt aus dem Buchtitel eines Biel-Veteranen und beschreibt eine Verpflichtung, die niemand ausgesprochen hat.
Vor der Anmeldung lagen zwei Probeläufe über 50 Kilometer: Rodgau-Dudenhofen im Januar in 4:46 Stunden, bei Bedingungen, die der Lauf selbst zur Hölle erklärte, und zwei Monate später Eschollbrücken in 4:26. Erst danach die Anmeldung in Biel, bewusst ohne die angebotene Rücktrittsversicherung. Als Trainingsgrundlage diente nicht der sonst benutzte Plan, sondern der Ultra-Plan von Wolfgang Olbrich beim Deutschen Ultramarathon-Verband: fünf bis sechs Trainingstage, in der Spitze 139 Kilometer pro Woche, ausgelegt auf eine Zielzeit von zehn Stunden. Der Unterschied zum Marathontraining liegt weniger in der Härte als in der Verschiebung: langsamere, längere Einheiten und lange Läufe von 45 bis 60 Kilometern.
Die erste Hälfte: schnell, und einen Tick zu schnell
1746 Teilnehmende gingen in dieser Nacht auf die Strecke, zwischen 20 und 81 Jahre alt. Das Wiedersehen mit der Velobegleitung war für Lyss verabredet, und genau dort beginnt einer der längsten Anstiege der Strecke. Der Bericht macht daraus einen praktischen Hinweis, der in keinem Streckenplan steht: wer sich mit seiner Begleitung in Lyss verabredet, verabredet sich besser nach dem Anstieg, weil ein Laufender dort schneller ist als ein Rad mit vollen Packtaschen. Es dauerte zehn Minuten, bis die beiden sich wieder hatten.
Die folgenden 23 Kilometer liefen im Schnitt von 5:50 pro Kilometer, nach eigener Einschätzung etwas zu schnell. Die Rechnung kam bei Kilometer 45, in der Form, die in Biel den Namen Wand trägt: dieselbe Anstrengung reicht plötzlich nur noch für ein deutlich langsameres Tempo. Bis Kirchberg bei Kilometer 56 zog sich diese Phase, und dort war die heimlich angestrebte Zeit unter zehn Stunden erledigt.
Kirchberg, der Emmendamm, und was danach kam
Kirchberg ist im Bericht der Wendepunkt, und zwar aus einem Grund, den keine Verpflegungstabelle abbildet: ein kurzer Aufenthalt, ein Trikotwechsel, ein paar Schläge mit den flachen Händen auf die Oberschenkel, und die Umstehenden, die das sahen und daraufhin laut anfeuerten. Danach lief es wieder. Der Abschnitt gleich dahinter ist der Emmendamm, im Läuferjargon der Ho-Chi-Minh-Pfad: ein schmaler Waldpfad, auf dem Velos nicht mitfahren dürfen und auf dem Steine und Wurzeln im Gras stehen. Es kam trotz Stirnlampe zum Sturz, gleich zu Beginn und glimpflich, und danach zu einem Schnitt von 5:40 über den Pfad.
Der zweite Einbruch kam bei Kilometer 70 und war der härtere. Ab dort geht es dauerhaft bergauf, was aus dem Höhenprofil vorher nicht abzulesen war, und die Verpflegung funktionierte nicht mehr: seit einigen Kilometern gingen nur noch Bananen hinunter. Über den ganzen Lauf waren es zwei Gels, sonst Bananen, dazu Wasser und abwechselnd Cola oder Iso. Bouillon vertrug der Magen nicht. In Bibern folgte eine Massage auf der Bank, danach der steile Anstieg direkt hinter dem Posten, den selbst frische Stafettenläufer im Gehschritt nahmen.
Oben redete die Begleitung so lange ein, bis er wieder lief, und daraus wurde der schnellste Abschnitt der Nacht. Ab Kilometer 88 wurde es wieder langsamer, ab 94 zur Qual, mit Gehpausen. Die Zielzeit stand da bereits fest, und der Antrieb, für ein paar Minuten noch Schmerzen zuzulassen, fehlte. Nach 10 Stunden und 45 Minuten war der Lauf zu Ende: Rang 231 von 1059 in der Männerwertung, Rang 21 von 59 in der Altersklasse M30.
Was der Bericht für die eigene Planung hergibt
Drei Dinge sind übertragbar. Erstens der Ort der Einbrüche: 45 und 70 Kilometer, nicht 80, und der zweite härter als der erste. Zweitens die Verpflegung: was im Training funktioniert, funktioniert nach sechs Stunden Nacht nicht mehr zwingend, und wer nur noch eine Sorte Nahrung vertrug, sollte sie an jedem Posten finden. Drittens der Satz, der im Bericht ohne Pathos steht: wenn man weiterläuft, geht es irgendwann wieder besser. Beide Male stimmte das.
Eine Randnotiz zur Ausrüstung hat es ebenfalls in viele spätere Diskussionen geschafft: nagelneue, nie getragene Socken, dazu etwas Vaseline zwischen den Zehen, und nach 100 Kilometern keine einzige Blase. Als Empfehlung taugt das nur bedingt, als Beleg dafür, dass die Bieler Blasenregeln weniger streng sind als ihr Ruf, schon.
Häufige Fragen
Wie schnell war der Bericht von 2010 im Ziel?
Nach 10 Stunden und 45 Minuten. Das bedeutete Rang 231 von 1059 in der Männerwertung und Rang 21 von 59 in der Altersklasse M30. Gestartet waren in dieser Nacht 1746 Teilnehmende.
Wo kamen die Einbrüche?
Bei Kilometer 45 und bei Kilometer 70. Der erste zog sich bis Kirchberg bei Kilometer 56 und kostete die angestrebte Zeit unter zehn Stunden. Der zweite war der härtere: ab dort geht es dauerhaft bergauf, und die feste Nahrung ging nicht mehr hinunter.
Was stand im Trainingsplan?
Der Ultra-Plan von Wolfgang Olbrich beim Deutschen Ultramarathon-Verband: fünf bis sechs Trainingstage, in der Spitze 139 Kilometer pro Woche, lange Läufe von 45 bis 60 Kilometern, ausgelegt auf zehn Stunden. Vorher lagen zwei 50-Kilometer-Läufe in 4:46 und 4:26 Stunden.
Was hat unterwegs funktioniert und was nicht?
Zwei Gels über den ganzen Lauf, sonst Bananen, dazu Wasser und abwechselnd Cola oder Iso. Bouillon vertrug der Magen nicht, und ab etwa Kilometer 70 gingen nur noch Bananen. Blasenfrei blieben die Füsse mit neuen Socken und etwas Vaseline zwischen den Zehen.
